Tafelrunde - FALTER.maily #183

Eva Maria Konzett
Versendet am 04.04.2020

Was macht der Mensch, wenn er auf sich selbst zurückgeworfen wird? Wohin trägt er seine Angst? Er nimmt sie in die Hand und bringt sie zum anderen. Zum Nächsten. Angesichts der heranrückenden Gefahr rückt der Mensch zusammen. Ritualisiert, beim gemeinsamen Essen, an der großen Tafel findet er Trost. Wer sein Essen mit anderen teilt, dessen Oxytocinspiegel im Blut steigt stark an. 

So ursprünglich ist der Effekt, dass man ihn sogar bei Bonobo-Affen messen kann.

Als vor 1,9 Millionen Jahren der Mensch begann, sich um die Feuerstelle zu versammeln, schuf er eine neue, soziale Mitte. Er versammelte sich um den Kessel. Das proteinreiche, auf verdaulich gekochte Fleisch gab uns das Hirn in seiner nunmehrigen Größe, der Kessel aber gab uns das Herz. Im gemeinsamen Mahl liegt der Ursprung der Gemeinschaft. 

Der SARS-CoV-2-Erreger bedroht nicht nur das Gesundheitssystem, seine Bekämpfung trübt nicht nur die Wirtschaft. Sie trifft den Menschen im Innersten, im Privatesten, in seinem Sein. Wo solitär das neue solidarisch ist, geht dem Mensch die erprobte Strategie verloren, in Notsituationen auszuharren: Zuspruch in der Nähe des Anderen zu finden. 

In seiner Autobiographie "Land, Land" beschreibt der ungarische Schriftsteller Sándor Márai das letzte große Essen mit Freunden und Verwandten vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten im März 1944 in Budapest. Es wurde an diesem Abend ein Essen kredenzt, „so bescheiden, wie die Kriegsmisere es gebot“. Aber verschwenderisch brennen in französischen Kandelabern die Kerzen auf der Tafel und in die Gesichter der Gäste, poliert glänzt das feine Porzellan. Die Stimmung flimmert. Die Menschen, die sich nicht einmal zwingend mögen müssen, raufen sich zu einem wohltuenden Gelächter zusammen, während "das vertrauliche-ahnungsvolle Flackern des Kerzenlichts die Gesichter, die bürgerliche Runde, die alten Möbel" beleuchtet.

Die Corona-Krise birgt keine Kriegsgefahr. Kein Unrechtsregime steht an Österreichs Grenzen, im Inbegriff das Land einzunehmen. Natürlich nicht. Die Analogie ist nicht situativ, sondern universell: Zusammen war man schon immer weniger allein.

“Die Stadt vor den Fenstern war still in der Frühlingsnacht”, notiert Márai nach dem Abendmahl an seinem alten Schreibtisch sitzend. Bedrohlich die Ruhe in den Gassen. Belastend die Stille zwischen den Menschen.

Ungenießbar die sinnlos gehamsterte Pasta.

Haben Sie ein gutes Wochenende!

Ihre Eva Maria Konzett

Die Regierung hat ein Medienhilfegesetz angekündigt und dabei ein paar Medien einfach weggelassen. Von einer "zweifelhafte Hilfsaktion der Regierung für Medien" spricht jedenfalls der Falter-Herausgeber Armin Thurnher in seiner Seuchenkolumne. Und weiter: "Krisen sind Zeiten für Wahrheiten und Besinnung, sagt man. Die Wahrheit ist schlicht und erschütternd. In Österreich ist und bleibt Medienförderung angewandte Medienkorruption. Die Krise gibt den Verantwortlichen nun den Vorwand, diesen Wahn nicht zu beenden, sondern zu verschärfen, indem sie die negative Auslese noch befördern. Gute Nacht, Österreich."

Am Freitag hat die Türkis-Grüne-Koalition den 15-Milliarden-Nothilfe-Topf für Unternehmen vorgestellt. Das ist gut. Warum die Regierung sich sputen muss, haben wir im Falter ebenso aufgeschrieben, wie den österreichische Spitzenökonom Gabriel Felbermayr befragt: Dazu, wie er die Corona-Krise sieht, warum die EU endlich Solidarität zeigen muss, und warum der Virus uns alle ärmer machen wird.

Wer nach fortlaufender Corona-Konfrontation das literarisch Weite suchen will, dem sei das Werk von Sándor Márai sehr ans Herz gelegt. Lakonisch und zärtlich beobachtet der Ungar in seinem Romanwerk Zwischenmenschlichkeiten. In den autobiographischen Erinnerungen "Land, Land" und "Bekenntnisse eines Bürgers" spiegle sich außerdem die tragische Geschichte von Ungarns Bürgertum, schrieb der ungarische Schriftststeller Imre Kertesz in der Welt, am 2.9.2000. Es lohnt sich gerade ob der aktuellen Ereignisse im Parlament in Budapest, diese Seiten zu durchblättern.

Normalerweise, wenn da oben "Hörtipp" steht, empfehlen wir einen Podcast oder eine Radiosendung. Diesmal nicht. Diesmal bitten wir Sie, in Wien genau hinzuhören. Denn es ist ganz still geworden in dieser sonst so lebendigen Stadt. Wie verändert sie sich? Wie verändert das die Wienerinnen und Wiener? Unser Fotograf Christopher Mavrič hat sich die letzten Wochen mit seiner Kamera auf Spurensuche begeben. Er hat Wien bei Nacht fotografiert und Wien am Wochenende, wenn den Städtern die Decke auf den Kopf fällt. Er dokumentiert eine Stadt, die solidarisch zusammenrückt, indem sie den gebotenen Abstand wahrt. Seinen außergewöhnlichen Foto-Essay finden Sie hier. (Er war auch in der aktuellen FALTER:Woche abgedruckt.)

Mit der Stille beschäftigt sich auch Stefanie Panzenböck. Sie beginnt mit: "Der Wecker klingelt und verspricht Normalität. Das Fenster, das in der Nacht offen war, könnte auch geschlossen sein. Kein Laut dringt, mitten in der Stadt, ins Schlafzimmer.Vor dem Fenster verdüstert sich der Himmel, während die Sonne scheint. Kleine Flocken tanzen über den Dächern. Die Welt ist eine Schneekugel." Ihren Essay "Die Leere, eine Beobachtung" lesen Sie hier.


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