Not und Tugend

Stefanie Panzenböck
Versendet am 09.04.2020

"Man muss nicht aus jeder Not eine Tugend machen", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann (unter anderem im Falter-Podcast über Kunst und Kultur in Zeiten von Corona.) "Man kann doch Nöte auch Nöte sein lassen." Dieser Satz, den Liessmann als Kalauer in die Debatte warf, öffnet einen Reflexionsraum, der für die Zeit der Krise essentiell ist.

Das, was wir nun erleben, ist ein Ausnahmezustand. Die Stille auf den Straßen, das Gedränge in den Wohnungen, die leeren Cafés. Die Krankenhäuser im Stresstest, die Wirtschaft im Niedergang, die verstummten Kunst- und Kulturräume. Die Konsequenzen, die wir daraus ziehen, folgen der Logik einer Notlage. Die Masken im Gesicht, die Desinfektionsmittel allerorts, die Ausgangsbeschränkungen.

Auch das scheinbar Positive, das wir, bei allen Zwangsmaßnahmen, entdecken, ist ein Resultat dieser bedrohlichen Situation. Dass das Homeoffice eventuell das bessere Büro ist, dass die wenigen Menschen in der Stadt eine Wohltat sind und dass alles, wirklich alles, auch in der digitalen Welt funktioniert. Theater, Konzerte, Vorlesungen, Debatten mit Freundinnen und Freunden, mit Kolleginnen und Kollegen. Ein Klick. Alles ist da. Ein Klick, alles ist weg. Die aufdringliche physische Anwesenheit von Mitmenschen muss weder ertragen noch andere Meinungen wirklich ausgehalten werden. Die Diskussion leidet zwar, aber ein elegantes Ausweichmanöver auf der Tastatur wird zur Verlockung. Und selbst das Offensichtlichste, nämlich, dass die Umwelt sich erholt, ist keine verwertbare Erfahrung. Die Not ist auch kein besserer Ratgeber als die Angst. (Und Not ist immer das Schlimmste, was einem passieren kann. Selbst wenn es noch lange nicht das Schlimmste ist.)

Die Not ist nicht die Zeit der Selbst- und auch nicht der Staatsoptimierung. Sondern die Zeit des Durchhaltens, Fragenstellens, Wachsamseins, des Nüchtern- und Sachlichbleibens. Erst wenn wir diese Zeit überstanden haben, können wir beginnen, unsere Gesellschaft zu ändern.

Verbringen Sie trotz allem ein schönes Osterwochenende und, falls Sie sich dafür interessieren, was es dabei mit dem Kreuz und dem Christentum auf sich hat, können Sie das hier nachlesen.

Ihre Stefanie Panzenböck

P.S.: Falls Sie bei der Lektüre des letzten Maily gewundert haben, weil Ihnen Florian Klenk schon um halb zehn Uhr abends sein Maily geschickt und Ihnen einen guten Morgen gewünscht hat - das war weder Corona noch der Supermond, wie manche von Ihnen vermutet haben, sondern nur ein Versehen.


Empfehlung

Philosoph Konrad Paul Liessmann in der NZZ über Skeptizismus in Zeiten von Corona


Aus Dem Falter

Die Maske, die Mund und Nase verdeckt, gehört nun zu unserem Alltag. Feuilleton-Chef Matthias Dusini hat im aktuellen Falter einen Essay über die Kultur der Maske geschrieben, unter dem Titel "Sperrstunde für die Seele".


Hörtipp

In der neuen Folge unseres Podcasts Falter Radio geht es um blockierte Humanität: "Flüchtlingslager in Griechenland und wir". Zu hören sind die grüne Nationalratsabgeordnete Ewa Dziedzic, die Direktorin der Diakonie Maria Katharina Moser, der Migrationsexperte Gerald Knaus, UNHCR-Vertreterin Astrid Castelein aus Lesbos und Falter-Redakteurin Nina Brnada. Wie immer auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.


Post An Falter Maily

Wir freuen uns immer, wenn wir von Ihnen lesen. Besonders viele Reaktionen gab es auf das gestrige Maily von Florian Klenk. Einige Stimmen von Maily-Abonnentinnen und -Abonnenten bringen wir deshalb hier gekürzt:

"Ich habe große Sorge, dass die Einschränkungen nicht komplett wieder zurückgenommen werden. Wie widerspruchslos die Österreicher*innen das hinnehmen, finde ich auch besorgniserregend. Wir sind schon ein sehr obrigkeitshöriges Volk. Die Maßnahmen, die uns der Terrorismus eingebracht hat, sind auch dauerhaft geblieben, obwohl es in der letzten Zeit kaum Anlässe für diese gegeben hat." - Christa Wendelin

"Was ich viel interessanter fände, wäre nachzurecherchieren, wie das bestehende Epidemiegesetz ausgehebelt wurde und was es gebracht hätte. Für viele der  Kleinunternehmer sei es angeblich besser gewesen - ich kenn mich zu wenig aus. Aber das wäre ein Thema, das ich im Falter eher suchen würde, nicht die eh schon widerlegten Thesen oder solche, die man erst im Nachhinein seriös überprüfen können wird." - Helmut Knall

"Seit Jahren bin ich Abonnent und habe die Entwicklung des Falters mitverfolgt. Es gibt aktuell keine Zeitung, die mich mehr erfreut: JEDE Woche ist mein Resümée am Mittwoch: Der Falter hat mich schon wieder überrascht. Wieder sind neue Themen journalistisch hochwertig aufbereitet drinnen, die völlig zu Recht beleuchtet gehören. Und sie werden es. Oftmals nur noch vom Falter." - Andreas Stieger

"Das war jetzt wirklich angebracht. Aufklärung ist wichtig, richtig, notwendig, aber bitte mit ein bisschen weniger Aufgeregtheit und ein bisschen mehr Zurückhaltung." - Susanne Held

"Halte kritischen Journalismus, der Fragen stellt und Diskussionen aufwirft, heute für so wichtig wie schon lange nicht. Offen einzugestehen, daß man sich vielleicht geirrt hat, zeugt jedenfalls von Größe! Chapeau!" - Sybille Zeisel

"In meinem Umfeld kaufen mehr denn je den Falter, weil sie die eindimensionale Berichterstattung der anderen Medien in Österreich satthaben. Vielen Dank für die herausragende Arbeit des gesamten Falterteams in diesen sehr unlustigen Zeiten." - Sonja Aichinger

"Als ehemaliger Journalistin ist es mir klar, dass Sie alles hinterfragen wollen und müssen. Sie haben aber jetzt auch eine besondere Verantwortung. Die Leute - wegen der Story? - aufzustacheln, alles in Zweifel zu ziehen, ist brandgefährlich. Es gibt auch keine Wirtschaft und keine Zeitungen mehr, wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung erkrankt ist. Und die Epidemie kann wieder kommen. Immer wieder. Dann braucht auch niemand mehr sein Falter-Abo zu kündigen. Bremsen Sie sich bitte ein, es gibt genug Wahnsinnige im Netz, die verharmlosen und gegen die Maßnahmen sind. Die erledigen das schon." - Irmgard Bayer

"Es tut gut, in der allgemeinen Hysterie ein paar bedächtige, bodenständige Worte zu lesen. Vielleicht verliert der Falter ein paar Abonnenten, vielleicht gewinnt er neue. Es ist schrecklich, wie die Gesellschaft momentan Maulkörbe verteilt." - Patrizia Kindl


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