Auferstehung - FALTER.maily #188

Matthias Dusini
Versendet am 10.04.2020

man nehme jeden Tag zehn Tropfen Dialektik. Nur so lässt sich die Umwertung aller Werte verdauen, die derzeit stattfindet. Was einmal Nähe bedeutete, verkehrt sich in Gefahr. Abweisende Zäune verwandeln sich in Gabenzäune für Obdachlose, harmlose Spaziergänger werden von der Polizei als potentielle Virenschleudern verjagt. Die Maske, Inbegriff bedrohlicher Anonymität, soll Schutz bringen. Mitten im schönsten Frühling fühlen sich manche wie in einem Gefängnis. 

Man muss schon als Kind in einen Topf voller Dialektiktrank gefallen sein, um die derzeit stattfindenden politischen Veränderungen zu verstehen. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) galt als Vertreter wirtschaftlicher Liberalisierungen und agiert derzeit wie ein kommunistischer ZK-Vorsitzender. Eine Staatsintervention folgt auf die nächste. „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, sagt der damalige Außenminister nach der Flüchtlingskrise 2015. Nun plädiert er wie der Sozialarbeiter der Nation für den unbedingten Schutz aller Menschen.

Journalisten tun sich schwer mit solchen Inversionen. Haben wir nicht eben erst versucht, Kurz die Maske herunterzureißen, um ihn als Faschisten light zu enttarnen? Die Türkisen traten als Schönwetterpartei auf. Doch plötzlich stimmten sie pessimistische Töne an, Warnungen, für die eigentlich die kritische Presse zuständig wäre. Statt härtere Maßnahmen zu fordern, plädierte auch der Falter für Lockerungen. Der Schädel streikt bei der Vorstellung, dass „der Blender“ die Krise bisher gut gemanagt haben könnte.

Seitdem Kurz für die Woche nach Ostern einen soften Exit, eine „Auferstehung“ angekündigt hat, kann die Kritik wieder ihre gewohnte Position beziehen. Nun können wir hinterfragen, ob die Geschäfte nicht vielleicht doch zu früh aufsperren – und damit eine zweite Ansteckungswelle ausgelöst wird. Auch weiß man aus der Geschichte des Kreuzes, das im Zentrum der Osterfeierlichkeiten steht, dass mit der Auferstehung die Sache nicht zu Ende ist. Jesus Christus verzog sich nach der Kreuzigung in den Himmel. Seither sind 2000 Jahre vergangenen und noch immer warten wir Sünder auf Erlösung. „Habt acht, dass euch niemand verführt!“ (Mt 24,4) 

Schöne Feiertage,

Matthias Dusini

Fragen Sie die Mathematik! Weltweit sitzen derzeit die klügste Köpfe an den Rechnern, um die Verbreitung des Coronavirus zu beschreiben und Prognosen zu erstellen. Christa Cuchiero, Professorin für Quantitatives Risikomanagement an der Universität Wien, und Josef Teichmann Professor für Finanzmathematik an der ETH Zürich, stellen hier ihre Ergebnisse vor.

Vor zwei Wochen hieß es noch: „Abgesagt". Lisa Kiss und Gerhard Stöger machten aus der Krise eine Chance und stampfen nun jede Woche eine Kulturbeilage aus dem Boden. Als Aufmacher beschäftigt sich der Filmkritiker Michael Pekler diesmal mit seiner Lieblingsserie The Twilight Zone". Die vielen Online-Events finden Sie auf unserer Website.


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