Wo ist der Bürgermeister? - FALTER.maily #191

Florian Klenk
Versendet am 15.04.2020

Phase eins ist vorbei, der Lockdown ist zu Ende, einen Monat nach Beginn der Einschränkungen erwacht Wien langsam aus dem Dornröschenschlaf. Die Covid-Infektionen sind – anders als auch von der Stadt Wien befürchtet - nicht exponentiell angestiegen, das Feldlazarett in der Messehalle ist unbenutzt. Wir zählen „nur“ rund 400 Tote, im Vergleich zur Gesamtsterberate ist das nicht viel (pro Tag sterben in Österreich etwa 200 Menschen). 

Das Diktum von Sebastian Kurz, dass jeder jemanden kennen werde, der an Covid stirbt, hat sich vielleicht dank der Regierungspolitik, aber vielleicht auch aufgrund einer umsichtigen Gesundheitspolitik und Wiener Spitalsverwaltung als falsch erwiesen, wie KAV-Chef Michael Binder in einem ersten großen Interview erklärt. Die von Vizekanzler Werner Kogler kolportierte Horrorzahl von 100.000 Toten erwies sich als weit überhöht.

War der schwarz-grüne Lockdown dafür verantwortlich? Wahrscheinlich. Allerdings: auch in Schweden (zehn Millionen Einwohner, kein Lockdown) gehen die Infektionen zurück. Allerdings sind dort 1000 Menschen verstorben, also mehr als doppelt so viele wie bei uns. In Belgien wiederum (elf Millionen Einwohner, strenger Lockdown) zählen die Behörden 4000 Tote, zehnmal so viel wie in Österreich

Ich harre der Analysen, die da in den nächsten Jahren kommen werden und die uns aufklären, wieso in einzelnen italienischen, spanischen und US-amerikanischen Städten der Horror ausbrach und in vielen anderen Metropolen und Staaten nicht. Meine Vermutung: nicht nur Corona-Missmanagement, auch andere Faktoren (etwa die Wirtschaftskrise 2008 und damit einhergehende Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem) waren verantwortlich für massenhaftes Sterben.

Womit wir bei Phase zwei sind, der nächsten großen Gefahr für das Patientenwohl: die drohende Mega-Wirtschaftskrise und ihre langfristige Auswirkung auf das Gesundheitssystem. Die Normalisierung des gesellschaftlichen und vor allem auch wirtschaftlichen Lebens läuft zwar an, aber der Bundeskanzler hat angekündigt, dass die Grenzen erst geöffnet werden, wenn es ein Medikament gegen Covid19 gibt. Das bedeutet für die Tourismuswirtschaft und die ihr angegliederten Branchen einen katastrophalen Sommer. Eine Pleitewelle wird die Folge sein, ein Drama in jenen Regionen, die vom Tourismus leben – Wien ist mitgemeint.

Es ist angesichts dieses bevorstehenden Dramas erstaunlich wenig zu hören. Weder der rote Wiener Bürgermeister Michael Ludwig noch die grüne Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein haben Konzepte präsentiert, wie sie den drohenden Super-GAU in den Griff kriegen wollen. Ein paar autofreie Begegnungszonen, ein paar rührselige Insta-Videos und ein paar hundert Millionen Steuergeld werden da nicht reichen. Finanzminister Gernot Blümel wird im Wahlkampf bekanntlich als schwarzer Spitzenkandidat mitmischen (und sich dann wohl wieder Richtung Bund verabschieden).

Der rote Bürgermeister, der sich bisher demonstrativ im Schulterschluss mit dem schwarzen Bundeskanzler übte, wird also mehr politische Kante zeigen müssen. Die Wahlen stehen bevor. Er wird für seine Stadt kämpfen müssen, er wird klarmachen müssen, was die rot-grüne von der schwarz-grünen Wirtschaftspolitik unterscheidet. Wie will die Stadt etwa jene Grätzel retten, in denen kleine Geschäfte, Cafés und Beisln eingehen werden? Ein paar Facebook-Aktionen sind schön, aber nicht genug. Wie wird man eine urbane Dienstleistungsgesellschaft am Leben erhalten, die im Sommer ein paar Millionen Touristen vermisst? Und was macht Wien ohne Pflegerinnen und Bauarbeiter aus Osteuropa und der Türkei? Das sind große Fragen. Wo sind die Antworten?

Ihr Florian Klenk


Was Sie Lesen Sollten

Was bedeutet die Corona-Krise für Wien und die Welt, für Europa und für Österreich? In einem vier Seiten starken Schwerpunkt haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst. Nina Brnada hat sich derweil eine Wiener „Brennpunktschule“ angesehen. Und Stefanie Panzenböck erkundigte sich, was der Lockdown in der Kulturszene anrichtete. Tom Rottenberg sammelte die wichtigsten Daten.


Noch Eine Empfehlung

Vielleicht haben Sie es schon bemerkt? Wir konnten Staatskünstler Florian Scheuba für den Falter gewinnen. Im Podcast-Format „Scheuba fragt nach ...“ lädt der preisgekrönte Kabarettist prominente Gäste zum Gespräch. Den Talk mit Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger hören Sie hier. Das Gespräch mit dem Percussionisten und Kolumnisten Martin Grubinger ist hier nachzuhören.


Zur Erheiterung

Nicht nur Florian Scheuba arbeitet neuerdings im Falter-Kosmos. Auch der renommierte Puppenspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan und seine Puppe Berti Blockwardt sind bei uns an Bord. Manche hassen diese Denunziantenpuppe, andere lieben die Realsatire. Habjan liefert Woche für Woche neue Folgen dieser Wiener Quarantäne-Soap, alle Videos finden Sie hier. Darin verarbeitet der Puppenspieler reale Facebook-Dialoge oder Tweets. Die Zeitschrift News widmete Habjan ebenso einen Beitrag wie der ORF.


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