Litterula CCI - FALTER.maily #201

Armin Thurnher
Versendet am 27.04.2020

ist es nicht schön, den Tag mit Post vom Falter zu beginnen? Die Schwelle zum dritten Falter-Briefhunderter überschreitend, fühle ich mich aufgefordert, Ihnen heute Bedeutendes mitzuteilen. Der Falter Briefhunderter hat ja längst den Ederer-Tausender als Maßeinheit abgelöst. Dies ist das 201. Maily (lateinisch litterula CCI.), das erste der dritten Falter-Briefhundertschaft, das unser Haus verlässt.

Absender und Absenderinnen wechseln in einer Reihenfolge, bei der man nie genau weiß, wer einem am nächsten Tag schreibt, außer dass es ein Mensch aus der Falter-Redaktion ist. Das gibt es nur hier so, zum Unterschied von vielen anderen Newslettern, die Sie vermutlich ebenfalls abonniert haben. Insgeheim hoffen wir natürlich, Sie halten sich nur diesen einen ständigen Nachrichten-Brief, aber da geht es uns vermutlich wie den meisten Liebhabern oder Geliebten. Okay, nicht einmal wir glauben felsenfest an Ihre Treue.

Untreue in Zeiten von Corona, das ist gewiss ein soziologisch zu untersuchendes Feld, und ich bin bekümmert, dass sich die Regierung nicht längst dessen angenommen hat. Hier muss vorgesorgt werden! Da die EU wieder einmal zerstritten und uneinig ist, am besten im nationalen Rahmen. Wir brauchen wieder mehr österreichische Untreue! Gerade sie leidet im Lockdown am schlimmsten.

Auch wenn die Zweikindfamilie mit Vater und Mutter von der Wiege bis zur Bahre das vom Kanzler abwärts vorgelebte Standardmodell unserer schönen Republik darstellt, kann diese doch nicht umhin, zu bemerken, dass ihr Ideal in einer modernen Gesellschaft ziemlich massenhaft verfehlt wird. Den größten Liebhaberinnen muss also jetzt zuerst geholfen werden, die Kleineren kommen selbstverständlich gleich danach dran. Und alles läuft so schön heimlich und intransparent ab, wie es sich gehört.

Das war jetzt, bis auf den ersten Satz, alles ironisch gemeint. Ich bemerke eine zunehmende Anspannung in öffentlichen Debatten, was man am zunehmenden Ausstoß von Blödsinn erkennt. Man sollte den Gebrauch von Ironie also vielleicht extra vermerken. Farbliche Markierung steht mir hier nicht zur Verführung, aber bis hierher ist dieses Maily ironisch gemeint, und vielleicht mussten Sie sogar das eine oder andere Mal lächeln. Danke.

Wir werden nun, wie es heißt, stufenweise wieder hochgefahren. Hinaufgefahren, hätte man früher bei uns gesagt, aber der Sprachnationalismus österreichischer Färbung wurde längst einem Internationalismus geopfert, der sich mangels größerer Sprachverbreitung mit jargonmäßiger All-Eindeutschung (Allein-Deutschung?) begnügt.

Wir fahren uns dann mal hoch und hoffen, dass die Schwalben, wenn sie hoch fliegen, nicht noch höher hinauffliegen. Sie sind übrigens wieder da, die Schwalben, zumindest im Waldviertel, aus dem ich Ihnen schreibe und eine schöne Woche wünsche. Bleiben Sie uns treu, nein, bleiben Sie uns gewogen!

Armin Thurnher

Während wir in Europa die erste Welle hinter uns haben, geht es dem Süden richtig schlecht. Wie Corona Afrika und Südamerika bedroht: https://www.falter.at/falter/radio

Ich möchte noch einmal meinen Essay über Karl Kraus im aktuellen Falter erwähnen, dessen Aktualität für Journalisten ungebrochen sein sollte: https://www.falter.at/zeitung/20200421/karl-kraus-widersprecher

Sehr empfehlenswert scheint mir für ökonomisch Interessierte der Blog des Falter-Autors Kurt Bayer: https://kurtbayer.wordpress.com/

In der 41. Seuchenkolumne weise ich auf einen erschreckenden Fall hin, wo sich bei der Regierungskommunikation wissenschaftliche und politische Beratung unzulässig mischen. Könnte bei uns natürlich nie passieren: https://cms.falter.at/blogs/athurnher/2020/04/26/kurz-virus-data-control-kreisky/


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