Ein Brief an uns - FALTER.maily #203

Florian Klenk
Versendet am 29.04.2020

wir bekommen viel Post in diesen Tagen. Zuspruch, Widerspruch und viele individuelle Corona-Lebensgeschichten. Es sind so viele Briefe, dass wir nicht immer mit der Beantwortung nachkommen. Bitte um Verzeihung.

Der Brief von Frau K. war für mich indes sehr außergewöhnlich. Sie schrieb uns vergangene Woche ein sehr berührendes und auch verstörendes Mail.

"Liebes Team", schrieb Frau K., "meine Mutter ist 78 Jahre alt und mein Stiefvater 79 Jahre alt, beide geistig fit, bewohnen eine eigene Wohnung in einem Pensionistenheim in Wien. Sie verfolgen interessiert die Nachrichten, und sind am letzten Stand der Entwicklung zum Corona Virus. Sie halten sich an die Ausgangsbeschränkungen der Regierung und haben auch vollstes Verständnis für das Besuchsverbot in ihrem Haus. Womit sie aber nicht klarkommen ist, dass ihnen seit 5 Wochen jeglicher Schritt vor die Türe verwehrt wird (ausgenommen Arztbesuche). Ein Wachdienst versperrt den Eingang und lässt sie nicht das Haus verlassen. Es wird ihnen nicht gestattet einen kleinen Spaziergang zu machen, oder die Gräber ihrer Familien zu besuchen. Am Sonntag hatte mein Schwiegervater einen Nervenzusammenbruch, da man ihm nicht erlaubt hatte, eine Zeitung zu holen und es auch ablehnte, es für ihn zu tun."

Der Zeitungsständer steht drei Meter vor dem Pensionistenheim.

Sprechen wir es aus: die Alten leben in den Heimen seit Wochen in Einzelhaft und zwar auch jene, die nicht bettlägrig sind oder im Sterben liegen. Es sind gesunde alte Menschen, die genauso an die frische Luft wollen wie alle Jungen auch. Aber ihr Stubenarrest ist härter als Haft. Es gibt keinen Spaziergang im Hof. Keinen Besuch an der Glasscheibe. Keine Gemeinschaftsräume. Sie sind in einer Weise eingeschränkt, die kein Strafvollzugsgesetz erlauben würde.

Gabriele K. weiß um das Dilemma. Sie weiß natürlich, dass das Corona-Virus lebensgefährlich für Bewohner von Altersheimen ist. Sie kennt die Berichte aus Deutschland, Italien und all die Statistiken. Aber sie stellt - namens ihrer Mutter - doch langsam die Verhältnismäßigkeitsfrage. Darf man Menschen einfach wochenlang einsperren, zum Schutze der anderen? Oder gibt es, wie Juristen es nennen, nicht doch "gelindere Mittel", also intelligentere Lösungen?

Nein, der Arrest für tausende Altersheimbewohner geschieht nicht aus der Lust an Quälerei, sondern im Gegenteil, er soll dem Schutz von Leben dienen. Er soll Qualen vermeiden. Aber dennoch müssen wir jetzt zu debattieren beginnen und stärker nachfragen. Nicht nur wegen der Alten, die auf einmal nicht rausdürfen und vielleicht ihren letzten sonnig Frühling versäumen. Auch Menschen mit Behinderungen werden eingesperrt, wie wir in Zuschriften erfahren. Die Türgriffe in manchen Heimen sind abmontiert. Alles zum eigenen Schutz. Alles ohne gesetzliche Grundlage.

Wir dürfen uns keinesfalls an diese Einschränkungen der Grundrechte gewöhnen. Ganz im Gegenteil, wenn der Ausnahmezustand zur neuen Normalität verklärt wird, ist Nachfragen Pflicht. Freiheitsbeschränkung ist die ultima ratio in einem liberalen Rechtsstaat. Erst ab Mai werden sich die Besuchsbedingungen ein bisschen lockern. Vielleicht sollte man schon vorher eine Debatte führen, unter welchen Auflagen auch ältere Menschen wieder ihre Freiheit genießen können. Nur der Umstand, sich in ein Altersheim eingekauft zu haben (unter Aufgabe ihres früheren Wohnsitzes und mit hohen Kosten), macht sie ja nicht rechtlos.

Eine schöne Woche wünscht

Ihr Florian Klenk

Vielleicht haben Sie es mitbekommen. Das erste interne Protokoll des Kanzler-Krisenstabes drang - via Ö1-Redakteur Bernt Koschuh - an die Öffentlichkeit. Sebastian Kurz wollte den Österreichern ein bisschen Angst einjagen. Natürlich nicht aus böser Absicht, sondern um sie zum Daheimbleiben zu motivieren. Ist das in Ordnung? Was passiert sonst noch hinter den gepolsterten Türen der Krisenstäbe? Ein Team rund um Falter-Ressortleiterin Barbara Tóth (Gerlinde Pölsler, Eva Konzett, Josef Redl) hat sich den Krisenkanzler Sebastian Kurz genauer angesehen. Hier finden Sie die beeindruckende Recherche. Unser neuer Illustrator Max Jurasch, im Hauptberuf Grafik-Designer, hat die Geschichte sehr speziell in Szene gesetzt.

Haben die Medien um Umgang mit der Corona-Krise versagt? Oder, im Gegenteil, alles richtig gemacht? Eva Konzett und ich haben uns vor allem auch bei den Kollegen deutscher Qualitätsmedien umgehört, sie führen eine Journalismus-Debatte auf hohem Niveau, die wir hier missen. Lesen Sie hier, was Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der Medienkritiker Stefan Niggemeier, Freitag-Herausgeber Jakob Augstein oder die Publizistin Susanne Gaschke denken. Als kleines Plus bieten wir ihnen auch eine redigierte Abschrift eines ungewöhnlichen Redaktionspodcasts. Sie können hier nachlesen, was die Falter-Redaktion über die eigene Corona-Berichterstattung denkt.

Die Kulturhauptstadt Wien stellt sich auf einen Sommer ohne Publikum ein. Wir haben dazu den Wiener Bürgermeister interviewt (und Heribert Corn hat ein Weltmeister-Foto von Michael Ludwig geschossen). Das Falter-Feuilleton hat sich in mehreren Berichten mit der Krise in den Kulturtempeln der Stadt auseinandergesetzt. Feuilleton-Redakteurin Stefanie Panzenböck und Musikkritikerin Miriam Damev haben den designierten Staatsopernchef Bogdan Roščić über die Corona-Saison befragt. Feuilleton-Leiter Matthias Dusini hat sich die Lage der Bundesmuseen angesehen und in einer feinen Polemik die Gemeinsamkeiten von Ischgl und der Albertina sezziert.

Eine wunderbar geschriebene Reportage aus diesem Falter stammt von Lukas Matzinger. Woche für Woche streift unser Reporter durch das gesperrte Wien und verfasst feine Stadtfeuilletons. Diese Woche war Matzinger im Wiener Prater. Die Ringelspielbesitzer zittern dort um ihre Zukunft.

Der Wiener Bürgermeister veröffentlichte kürzlich auf Instagram ein Foto eines demonstrativen Besuches bei seinem Buchhändler Posch in der Lerchenfelderstraße. Michael Ludwig, ein belesener Sozialdemokrat, schleppte einen Stapel Bücher aus dem Geschäft. Mich hat das neugierig gemacht - was liest der Stadtchef in der Krise? Ich habe nachgefragt und die Antwort war doch erstaunlich. Sie können das Bürgermeisterpaket hier bestellen.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!