Das Bauvolk der kommenden Welt - FALTER.maily #205

Nina Horaczek
Versendet am 01.05.2020

Wenn Sie heute morgen geweckt wurden, dann nicht von fröhlichen Gesängen derer, die frühmorgens Richtung Rathausplatz unterwegs sind, um den Tag der Arbeit zu feiern. Heuer gibt es kein „Heraus zum 1. Mai“ auf dem Wiener Rathausplatz. Das Coronavirus schert sich nicht um 130 Jahre alte linke Traditionen. Seinen Ursprung hat dieser Arbeiterkampftag übrigens in den USA, wo Arbeiterinnen und Arbeiter am 1. Mai 1886 für den Acht-Stunden-Tag streikten.

In den USA, dem Land, in dem derzeit die meisten Coronatoten zu beklagen sind, zeigt sich auch heute, wieso es eine starke soziale Bewegung dringend braucht.

Seit Ausbruch der Coronakrise konnten die 34 reichsten US-Milliardäre ihr Vermögen um zig Millionen vergrößern, berichtet das Institute for Policy Studies in seinem eben veröffentlichten „Billionare Bonanza Report“ (https://ips-dc.org/billionaire-bonanza-2020/). Acht dieser Superreichen verdienten seit 1. Jänner 2020 sogar mehr als eine Milliarde dazu. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen auf 30 Millionen.

Nach dem ersten Schock, nach dem Bemühen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, lautet die zentrale Frage: Wer wird das alles bezahlen?

Bei der Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2008 ihren Anfang nahm, zwang die Austeritätspolitik der EU zahlreiche Staaten, Arbeitslosengelder und Pensionen zu kürzen, bei Spitälern, Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen zu sparen und den Sozialstaat auszuhöhlen. Welche Auswirkungen diese Sparpolitik hatte, können Sie hier https://www.falter.at/zeitung/20120410/wer-zahlt-die-krise und hier https://www.falter.at/zeitung/20150722/die-neuen-armenheere-des-vereinten-europa/c5809fdd37 nachlesen.

Gleichzeitig zeigte der „Billionaire Census“, eine Art Volkszählung der Superreichen, dass diese ihr Vermögen in den Krisenjahren verdoppeln konnten.

Auch in Österreich sind Vermögen ungleich verteilt. Das reichste ein Prozent besaß Ende 2019 22,6 des Gesamtvermögens im Land, die reichsten zehn Prozent teilen sich 56,4 Prozent. Vermögenssteuern haben derzeit lediglich einen Anteil von 1,3 Prozent am Gesamtsteueraufkommen.

Wie 2008 werden wir uns auch jetzt wieder fragen müssen, wer die Kosten der Coronakrise bezahlen soll. Vielleicht fällt der Politik diesmal eine bessere Antwort ein.

Nina Horaczek

"Grundrechte nicht nur für Schönwetter! Heraus zum 1. Mai!" lautet der Aufruf von Persönlichkeiten wie dem Sänger Willi Resetarits, der Linguistin Ruth Wodak, dem Juristen Alfred Noll und anderen, am 1. Mai - mit Sicherheitsabstand und Maske - gemeinsam auf die Straße zu gehen. Ob das in Zeiten wie diesen vernünftig ist, muss jeder und jede für sich selbst beantworten. Ich bleibe zu Hause. Den Aufruf finden Sie jedenfalls hier: https://www.mayday.jetzt/

Die Sozialdemokratie, deren Spitzenpolitiker in normalen Zeiten jeden 1. Mai mit ihren roten Winktüchern von der Tribüne auf dem Heldenplatz winken, lädt heuer zum virtuellen 1. Mai auf https://erstermai.spoe.at/.

Auch die Kommunisten versammeln sich virtuell. Für 18 Uhr ruft die KPÖ aber zu einem musikalischen Flashmob auf. Als Zeichen der internationalen Solidarität und gegen Corona soll die „Internationale“ vom Balkon bzw. aus dem Fenster gesungen werden.

Wer am 1. Mai zumindest im Geiste durch die Hochburgen der Arbeiterschaft spazieren möchte, dem sei der Artikel "Der Boulevard des Arbeiters" aus dem Falter-Archiv empfohlen. Es ist ein Spaziergang über die Ringstraße des Proletariats, den Wiener Gürtel https://www.falter.at/zeitung/20150527/der-boulevard-des-arbeiters/6515119615


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