Warum wir (nicht) alle im gleichen Boot sitzen - FALTER.maily #206

Klaus Nüchtern
Versendet am 04.05.2020

in den „Theorien über den Mehrwert“ findet sich eine hübsche „Abschweifung (ueber produktive Arbeit)“, in der Karl Marx auf die Produktivität verschiedener Berufssparten eingeht: „Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen“ – und darüber hinaus, wie Marx sarkastisch hinzufügt, auch noch „die ganze Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.; und alle diese verschiednen Gewerbszweige […] entwickeln verschiedne Faehigkeiten des menschlichen Geistes, schaffen neue Beduerfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung.“

So zynisch es klingt, trifft das auch auf die Pandemie zu, die uns einerseits ganz fürchterlich lähmt und schädigt, andererseits aber auch eine Produktivkraft darstellt, welche die Phantasien von Poeten, Pastoren und Professoren, die sie ins Home-Office geschickt hat, noch lange Zeit beschäftigen wird. Die Phrasendrescher haben ja jetzt schon Hochkonjunktur: „Es herrscht Ausnahmezustand, und vor allem herrscht die Phrase“, leitet Armin Thurnher seinen Artikel ein, in dem er anlässlich des Erscheinens von Jens Malte Fischers voluminöser Biografie „Karl Kraus – Der Widersprecher“ die Aktualität dieses Aphoristikers, Sprach- und Medienkritikers würdigt.

Die „Phrase“, der Karl Kraus so unerbittlich zu Leibe rückte, erkennt man allerdings nicht unbedingt an ihrem Wortlaut, sondern an dem Kontext, in dem sie geäußert und an den Wirkungen, die sie erzielen möchte. Als Tatsachenbehauptung ist die schon aus Prä-Corona-Zeiten bestens bekannte Behauptung „Wir sitzen alle im gleichen Boot“ einfach Unfug, wie schon die Existenz des Begriffs „Risikogruppe“ (ein vielversprechender Kandidat für das „Unwort des Jahres“) andeutet und wie der Umstand belegt, dass die Pandemie die bestehende Kluft zwischen Arm und Superreich vergrößert: die Grenze zwischen Corona-Verlierern und Corona-Gewinnern verläuft eindeutig entlang der Klassengrenzen.

„Wir sitzen im gleichen Boot“ könnte aber auch als Ausdruck eines One-World-Ethos und als Aufruf zu gelebter Solidarität verstanden werden, wie sie etwa die internationale Initiative #LeaveNoOneBehind einfordert, die sich unter anderem für jene 20.000 Menschen einsetzt, die im Camp Moria auf Lesbos unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben müssen.

(Sprach)kritik ist gewiss nötig und löblich, verspielt freilich ihre Noblesse, wenn sie sich nur am eigenen Kritizismus angesichts der Schlechtigkeit der Welt berauscht. Ein Reporter, so meinte die von den Nazis ermordete Journalistin, Widerstandskämpferin und Kafkafreundin Milena Jesenská einmal, der über menschliches Elend berichte, „ohne ein Fünkchen Hoffnung, dass seine gedruckten Worte helfen können“, sei „nicht einmal einen Händedruck wert“. Harsche Worte. Aber man tut gut daran, sie im Kopf zu behalten.

Ich wünsche auch Ihnen schöne Schübe,

Klaus Nüchtern

Wenn der April einem bekannten Dichterwort zufolge der grausamste Monat ist, dann ist der Mai einer der freundlichsten. Er ist ein Fest für alle Sinne: Der Flieder duftet gegen den Gestank des verblühenden Bärlauchs an, die Spargelsaison ist voll im Gange, die Erdbeersaison hat gerade begonnen, und Rezepte, in denen die beiden kombiniert werden, finden sich im Netz zuhauf. Wie der Augenschein in und auf den (Super)märkten zu belegen scheint, haben es die Früchte auch diese Saison von den Feldern in die Kisten und Regale geschafft. 75 Prozent aller heimischen Erdbeeren werden allerdings „von ukrainischen Damen“ geerntet. Das Pflücken der Erdbeeren oder das Stechen des Spargels sind „einfach keine Arbeiten für einen Österreicher“ – sie sind ihm zu beschwerlich und zu schlecht bezahlt. Das und vieles mehr über „die Genese einer Mahlzeit“ erfährt man in Beate Haselmayers Schauplatz-Reportage „Keine Ernte ohne Helfer“.

Sie sind so etwas wie die Saisonarbeiter der Lüfte: Ende April reisen sie aus ihren Winterquartieren in Afrika an, Anfang August kehren sie schon wieder dorthin zurück. Seit letzter Woche kann man die Mauersegler wieder durch Wien fetzen sehen. Mehr darüber können Sie in meiner nächsten Kolumne „Nüchtern betrachtet“ lesen. Auf wesentlich ambitioniertere Weise hat sich der britische Tierarzt, Anwalt, Philosoph und Publizist Charles A. Foster diesem beeindruckenden Flugkünstler genähert. In seinem grandiosen Buch „Being a Best“ (deutsch: „Der Geschmack von Laub und Erde“) versucht er, sich einem Mauersegler anzuverwandeln (andere Kapitel handeln von Fosters Versuch, ein Otter, Fuchs oder Dachs zu sein). Ein Interview mit Charles Foster, das ich für die Frühjahrsbuchbeilage 2017 geführt habe, finden sie hier. 

Das Musikstück, das mir zur Zeit echte Euphorieschübe beschert, trägt den kryptischen Titel „1-555 -3327“, handelt angeblich von einer Ziffernzwangsneurose  des Erfinders und Elektroingenieurs Nikola Tesla und stammt von der norwegischen Band Skarbø Skulekorps. Und wer sich das Video vom Auftritt beim Nattjazz Festival 2019 ansieht, wird – so wie ich – das starke Bedürfnis verspüren, sich einen Schulbanduniform schneidern zu lassen.


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