Wir sind ein Orchester - FALTER.maily #208

Florian Klenk
Versendet am 06.05.2020

die Zeitung liege im Sterben, heisst es. Aber das stimmt so nicht, zumindest was den Falter betrifft. Wir wachsen. Die Regierung hat uns zwar immer noch die Etats gestrichen, während sie den Boulevard mästet (Danke, Grüne!). Aber wir wollen nicht in Kurzarbeit gehen. Im Gegenteil, wir feilen an unserem Blatt, weil wir es lieben. Gestern wurde es bei mir wieder drei Uhr nachts, ehe die letzte Seite abgenommen war. Eine Zeitung ist ja auch mehr als ein kostenloser Newsfeed, es ist ein liebevoll arrangiertes Werk, ein Konzert der Vielstimmigkeit.

Das Schöne am Chefredakteursposten ist diese allwöchentliche Herausforderung, diese wunderbare Redaktion wie ein Orchester zum Klingen zu bringen. Wer geigt diesmal ganz vorne, wer schlägt hinten die Pauke und wer setzt mit der Triangel am Ende den lieblichen Schluss? Wer schreibt die großen Texte und wer die verdichteten kleinen Stücke und Glossen (die ich im übrigen am meiste liebe)? Und wer darf für eine absolute Überraschung sorgen (etwa mit einem Stück über den Fuchs in der Literatur, das Sie hier finden).

Es sind nicht nur die Mitglieder der Redaktion, die das Blatt prägen, sondern auch die vielen anderen Falter-Menschen, die Sie nur selten sehen. Die Grafiker rund um Raphael Moser und Dirk Merbach, die kunstvoll die Lettern ins Blatt hämmern wie Goldschmiede Zahnräder in kleine Uhren. Die Schlussredaktion, das Lektorat, die Anzeigenabteilung, die FotografInnen und IllustratorInnen und die vielen freien AutorInnen. Und und und.

Was also haben wir diese Woche für Sie? Wir haben uns einen Satz von Antonella Mei-Pochtler zu Herzen genommen, der Leiterin des "Future Operations Clearing Board". In einem bereits jetzt legendären Interview mit der Financial Times sagte sie, dass wir bald "am Rande des demokratischen Modells" segeln werden und sie eigentlich die Krise managte. Ich wusste zuerst nicht, ob das Gespräch Satire war. Offenbar meint die Frau das ernst.

Was aber bedeutet es, am "Rande des demokratischen Modells" zu leben? Dürfen wir die Alten einsperren zu ihrem eigenen Schutz, selbst wenn sie im Sterben liegen? Lukas Matzinger und ich sind dieser Frage nachgegangen.

Dürfen wir nächtens 300 Asylwerber aus ihren Betten holen und in einer Halle unterbringen, verköstigt mit Schweinefleischkonserven zum Ramadan, überreicht von Polizisten in Schutzanzügen, während die Flüchtlinge in Schlapfen dicht an dicht anstehen? Nina Horaczek hat diese Frage beantwortet.

Und sollen Mindestrentner ihren halben Monatslohn abliefern, nur weil sie einmal mit der U6 zum Spazieren auf die Donauinsel fahren? Die Behörden im rot-grünen Wien sehen das so. Ich habe die Akten studiert und Daniel Jokesch hat das Treiben karikiert.

Die ganz große Frage, nämlich wie das mit der Klimakrise in Coronazeiten weitergeht, erörtern Gerlinde Pölsler und Eva Konzett in der Titelgeschichte. Airlines, Autoindustrie und industrielle Landwirtschaft erwarten sich Entschädigungen in Milliardenhöhe. Wir fragen uns: droht dem Green New Deal nun auch die Quarantäne? Vieles spricht dafür, dass wir wieder einmal die Zukunft verspielen. Oder?

Eine schöne Falter-Ausgabe wünscht

Florian Klenk

Es gibt eine schöne Besonderheit im Falter. Viele Falter-MitarbeiterInnen fühlen sich Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts über Jahre verbunden, publizistisch, aber auch persönlich. Armin Thurnher etwa schrieb über den Auschwitz-Überlebenden Leon Zelman eine Biografie. Nina Horaczek traf immer wieder den NS-Deserteur Richard Wadani. Ich durfte mit Elisabeth Scharang einen Film über den Spiegelgrund-Überlebenden Fritz Zawrel drehen, der mir zum Freund wurde. Und Barbara Tóth schrieb eine Biografie über den Vaclav-Havel Weggefährten und ehemaligen tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg. Diese Woche weilte der Fürst in Wien und Tóth sprach mit ihm für die neue Ausgabe über Corona und die Welt.

Besondere Lesestücke liefert diese Woche auch das Feuilleton. Stefanie Panzenböck traf den Kabarettisten Lukas Resetarits, der über die Krise der Kulturschaffenden und die Zukunft des Kabaretts in Pandemiezeiten sprach. Und Nicole Scheyerer widmete sich jenen Frauen, die Kinder großziehen, Hausarbeit leisten, die Alten pflegen und sich dann die Frage gefallen lassen müssen, was sie denn in ihrem Leben gearbeitet hätten.

Ist es ihnen schon aufgefallen? Die Studierenden sind aus dem Stadtbild verschwunden. Die Unis sind leer, die Studentenbeisln geschlossen. Uni pennt? Keineswegs. Anna Goldenberg hat die Frage beantwortet, wie Forschung und Lehre in Pandemiezeiten funktioniert.

Und auch Tom Rottenberg widmet sich den Veränderungen der Stadt. Die Corona-Krise hat Städte in aller Welt dazu gebracht, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, Stichwort Corona-Begegnungszonen. Was bedeutet das für Wien? Welche Errungenschaften können wir in die Zukunft retten.

Und im Landleben verraten ihnen die Geschwister Marion und Nathalie Großschädl ein Geheimnis für das heiße Wochenende. Sie müssen aber hier klicken, um zu erfahren, worum es geht!


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