Kurze Beine - FALTER.maily #221

Lukas Matzinger
Versendet am 21.05.2020

"Es sind Daten bewusst gestohlen, verfälscht und verbreitet worden, um uns als Volkspartei zu schaden", so oft hat Sebastian Kurz diesen Satz im September 2019 gesagt, dass er eigentlich als Wahlslogan zählt. Die vom Falter veröffentlichen Dateien aus der Parteibuchhaltung seien "teilweise manipuliert worden und somit nicht richtig".

Die Enthüllungen des Falter waren unangenehm: Die ÖVP hatte vor der Nationalratswahl damit kalkuliert, die Wahlkampfkostenobergrenze erneut zu überschreiten. Und die Parteibuchhalter hatten die Kampagne durch kreative Buchungssätze kleingerechnet: Ausgaben von Poloshirts bis Werbevideos zählten plötzlich nicht mehr zu den Wahlkampfkosten.

Der Parteichef erklärte die Dokumente kurzerhand für "teilweise manipuliert". Was der Falter für Originaldateien aus der Buchhaltung hielt, sei "nicht richtig", der Veröffentlichungsvorgang ein "Angriff auf die Demokratie". Die Partei klagte den Falter auf Unterlassung.

Nun, acht Monate später, bekam der Anwalt des Falter Post von der ÖVP. Der Schriftsatz stellt Bemerkenswertes fest: Die "Echtheit der fraglichen Urkunden" wird "von der klagenden Partei nicht bestritten". Den vorgelegten Dokumenten wird "die Übereinstimmung mit dem Original zugestanden". Die Dateien waren also nicht "manipuliert", wie Sebastian Kurz beharrlich behauptet hatte.

Jenes rhetorische Manöver beherrscht der Mann mit Meisterschaft: Sobald er sich ins Eck gedrängt fühlt, hat Sebastian Kurz eine überraschende Wendung in der Hinterhand, die ihn entlastet und nicht unmittelbar widerlegbar ist. Mit einem Kniff wird aus dem geäußerten Vorhalt eine Halbwahrheit und aus seiner Konfrontation ein Anpatzen. Wenn sich Kurz' Einwurf irgendwann als "nicht richtig" herausstellt, ist die erste Aufregung verflogen.

Als die deutsche Moderatorin Sandra Maischberger ihn daran erinnerte, dass "Tausende von Deutschen" Covid-19 aus den engen Trinkhütten Ischgls bezogen hatten, stellte Kurz eine erstaunliche Theorie in den Talkshowraum: "Es gibt jetzt Studien, dass sich das Virus in Europa von München aus ausgebreitet haben soll. Ich weiß nicht, ob es stimmt", sagte er. So eine Studie gibt es eher nicht. Auf Twitter hatte der Seattler Genetiker Trevor Bedford jene Vermutung geäußert. Wenige Kollegen stützen seine Hypothese.

Auf das PR-Fiasko im Kleinwalsertal angesprochen, machte Kurz mit einem Kunstgriff die anwesenden Journalisten verantwortlich. Eigentlich seien sie es gewesen, die Abstände nicht eingehalten hätten. Wenn es ihm zu hell wird, dreht er blitzschnell anderswo das Licht auf. Sebastian Kurz ist nie nur Bundeskanzler, er ist immer auch ein türkiser Direktvermarkter.

Lukas Matzinger

Keine Konzerte, unwiederbringlich verlorene Promotion, laue Verkaufszahlen: Wer heuer ein lange gezüchtetes Album veröffentlicht, ist nicht zu beneiden. Dabei hätte das Popjahr 2020 viel versprochen, mir haut zurzeit dräuende Maschinensoulmusik das Heu runter. Wie vom Plattenlabelbesitzer Everything is Recorded oder vom Londoner Sprechsänger Ghostpoet.

Maschinensoulmusik passt auch zu unserer jüngsten Folge des Falter Radio, es geht um in Not geratene Wirtschaft. Welche Optionen hat Österreich, um mit dem ökonomischen Einbruch infolge der Corona-Pandemie umzugehen? Wie sieht die Wirtschaftsstrategie von Türkis-Grün aus, gibt es eigentlich einen Plan? Zu hören: Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina (SPÖ), Wirtschaftsexpertin Margit Schratzenstaller (WIFO), Publizist Robert Misik,  Ökonom Lukas Sustala (Agenda Austria). Wie immer auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.

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