Wie wird's heute? - FALTER.maily #238

Anna Goldenberg
Versendet am 12.06.2020

Schönes Wetter draußen heute, oder? Obwohl es uns alle betrifft, hat das Reden übers Wetter einen schlechten Ruf. Entweder gilt man damit als höchst holpriger Smalltalker, oder man findet sich in einer Diskussion über den Klimawandel wieder. Will keiner so wirklich.

Dabei eignet sich das Thema hervorragend, um seine Mitmenschen zu unterhalten. Zum Beispiel: Wenn Sie das nächste Mal im Freien sind, kommentieren Sie die weitgehende Abwesenheit von Flugzeugen am Himmel. Dann erklären Sie, dass die fehlenden Flugzeuge für die Meteorologie bedauerlich sind. Und zwar, weil diese normalerweise Wetterdaten senden. In Spitzenzeiten des Lockdowns gab es in Europa deshalb um 80 Prozent weniger Flugzeugwetterdaten.

Ihr Gegenüber wird nun möglicherweise wissen wollen, ob das erkläre, warum die Wettervorhersagen in den vergangenen Wochen so unverlässlich schienen. Aber nein, antworten Sie. Würde man die Flugzeugdaten komplett weglassen, sänke die Genauigkeit für die Drei- bis Vier-Tage-Prognose nur um zehn Prozent – und zwar in zehn Kilometern Höhe. Am Boden sind es dann überhaupt nur wenige Prozentpunkte. Flugzeugdaten machen nämlich nur einen sehr kleinen Teil der Prognosedaten aus. Sie dienen hauptsächlich dazu, zu überprüfen, ob die Satelliten – unsere wichtigste Datenquelle – richtig funktionieren. Für den Normalverbraucher ist das Fehlen der Flugzeugdaten also nicht spürbar. 

Dass das Wetter gerade unvorhersehbar scheint, hat mit dem Frühling zu tun. Kleine Tiefdruckgebiete rauschen durch und machen Prognosen für mehr als ein bis zwei Tage schwierig. Aprilwetter im Juni – ist das der Klimawandel? Das Frühlingswetter ist immer launisch. Die Erderhitzung hat allerdings dazu beigetragen, dass die kalte Jahreszeit kürzer ist – und deshalb beispielsweise Pflanzen um mehrere Tage früher austreiben. 

Entweder ist Ihr Gegenüber nun restlos begeistert von Ihren Kenntnissen. Oder es wird Sie nie mehr wieder um Ihre Meinung zum Wetter fragen. Probieren Sie es aus.

Viele schöne Gespräche wünscht

Anna Goldenberg

Falls Sie mehr Gedankenfutter zum Thema Klimawandel brauchen, sei Ihnen das Buch von meinem – derzeit noch karenzierten – Kollegen Benedikt Narodoslawsky ans Herz gelegt. In "Inside Fridays for Future" erzählt er die Geschichte der österreichischen Klimabewegung.  


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