Wie ich lerne, ein Land zu hassen - FALTER.maily #240

Lukas Matzinger
Versendet am 15.06.2020

einmal noch den Slogan "Es wird Sommer im Salzburger Land" auf Spotify hören und ich setze mich zur Lamprechtshausener Tanzlmusi ins beflaggte Auto. Einmal noch als Facebook-Werbung das Oxymoron "Bergsommer in Niederösterreich" lesen und ich gönne mir Maurerforelle und Rossbacher zum Frühstück. Ein Promi noch, der mir im Fernsehen seine schönsten Platzerln zeigt, und ich schmeiß mich in die Knickerbockerhose, auf das Hochrad, und ab geht's.

Die Werbepsychologie baut auf Wiederholungen, um eine Botschaft beständig ins Gedächtnis zu penetrieren. Erst wenn der Kunde die Kunde wirklich gelernt hat, zeigt Werbung Wirkung. Was passiert, wenn sich eine Kampagne abnutzt und sich der gewünschte Effekt ins Gegenteil verkehrt, erlebe ich gerade bei der Werbewelle für Inlandsurlaub.

Österreich ist eines der fünfzehn meistbereisten Länder der Welt. 2018 verbrachten 45 Millionen Gäste 150 Millionen Nächte im Land. Und jetzt das: Reisen sind wegen der Seuche verboten oder verpönt, Hotels mussten wegen Corona shutdownen und hunderttausende Stornierungen entgegennehmen.  

Um die Beherberger zu retten, will Urlaubsministerin Elisabeth Köstinger die nicht arbeitslos oder insolvent gewordenen Österreicher zu Reisen innerhalb der Grenzen bewegen. Der Tourismusmarketing-Verein "Österreich Werbung" hat 40 Millionen Euro für eine Sonderkampagne bekommen, bei einem üblichen Jahresbudget von 50 Millionen Euro ist das viel Geld. Sichere Herkunftsländer wie die Schweiz, Deutschland und die Niederlande erfahren nun, welch guter Sommer hier auf sie warte. Die Österreicher hören es unaufhörlich.

Seit eineinhalb Wochen gibt es kein Youtube-Video ohne vorherige Ermunterung zum "Eintauchen" in die Natur oder zum "Entdecken" von Städten. Kein gestreamtes Lied ohne Androhung kristallklarer Bergseen und den Almwiesen der Großglockner Hochalpenstraße. Selbiges auf Ö3 und im ORF-Fernsehen. Dort hat der Skifrühpensionist Marcel Hirscher eines Hauptabends "Ein Sommer in Österreich – Urlaub in Rot-Weiß-Rot" moderiert. Für Servus TV bereist der Schauspieler Michael Ostrowski beliebte und verlassene Orte.

Ich will Ihnen als Nichtminister keine Gefühle vorschreiben, aber bei mir läuft dieser Dauerangriff seiner Intention zuwider. Reaktanz ist ein Fachbegriff für Trotz, sie beschreibt den inneren Widerstand, wenn äußerer Druck die Handlungsfreiheit einschränkt. Der in seiner Meinungsbildung zu mutwillig beeinflusste Mensch trauert den vorenthaltenen Möglichkeiten hinterher. Der Reiz des Verbotenen wirkt.

So wird die redundante Österreich-Werbung zum Bumerang. Ich habe schon ein Burnout von den vorgeschlagenen Destinationen, jede Auffrischung konditioniert mich umgekehrt: Mit jedem "Sommer im Salzburger Land" wächst das Fernweh, mit jedem "Bergsommer in Niederösterreich" wünsche ich mich in die Toskana.

Schönen Sommerbeginn!

Lukas Matzinger

Sollten auch Sie sich, wenigstens für ein paar Minuten, in die Ferne sehnen, empfehle ich Ihnen zwei Musikstücke: Zum einen die akustische Hymne aufs In-der-Sonne-Sitzen von der vergessenen südkoreanischen Sängerin Kim Jung Mi aus dem Jahr 1973. Und zum anderen die Ode an politische Gefangene des Apartheidsregimes von der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba aus dem Jahr 1965.

Hören Sie auch die gestrige Folge des Falter Radio zum heftigen Start des U-Ausschusses nach. Warum der spektakuläre Konflikt zwischen Polizei („Soko-Tape“) und Korruptionsstaatsanwaltschaft auch eine Chance für einen besseren Kampf gegen politische Korruption werden könnte, argumentiert Falter-Chefredakteur Florian Klenk im Gespräch mit Raimund Löw. Zu hören auf falter.at/radio oder in Ihrer Podcast-App.

Um Bauernregeln und SMS von Bundes- an Vizekanzler und retour geht es in der aktuellen Seuchenkolumne von Armin Thurnher. Seine ganz transparente Hoffnung: "Sebastian Kurz schweigt nur vorübergehend, weil er seinen SMS-Verkehr mit Strache sichert, sichtet und demnächst uns, der staunenden und beeindruckten Öffentlichkeit übergibt."


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