Lebensgeschichte - FALTER.maily #249

Stefanie Panzenböck
Versendet am 25.06.2020

dass die deutsche Schriftstellerin Helga Schubert am vergangenen Sonntag den Bachmannpreis gewonnen hat, wissen Sie vermutlich. Vielleicht kennen Sie auch die dazugehörige Geschichte der 80-Jährigen. Aber sie ist so schön, dass sie immer wieder erzählt werden kann. Für Schubert war diese Auszeichnung, "ein kleiner Sieg über die Diktatur", wie sie bemerkte. Nicht nur, weil sie als Schriftstellerin in der DDR Zensur unterworfen war und immer Wege suchen musste, ihren Gedanken trotzdem Ausdruck zu verleihen. Schubert sollte 1980 schon einmal beim Bachmannpreis-Wettbewerb lesen. Die Ausreise nach Österreich wurde ihr von den Behörden aber verwehrt. Von 1987 bis 1990 war sie dann Mitglied der Jury. 40 Jahre später wurde sie wieder als Literatin eingeladen, und beinahe hätte die Veranstaltung aufgrund der Coronona-Pandemie abgesagt werden müssen. Schließlich fanden die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt doch statt. Das Internet bot Platz dafür und Schubert reiste wieder nicht nach Kärnten. Sie las "Vom Aufstehen" in ihrem schönen Garten in Neu Meteln, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Text ist fiktional, beinhaltet aber autobiografische Elemente. Er handelt von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Am Sterbebett erzählt die Mutter ihrem Kind von "drei Heldentaten": "Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten." Denn das wäre geschehen, wenn die Mutter den Wunsch ihres Schwiegervaters erfüllt hätte.

Wenn Sie Zeit haben, lesen Sie Schuberts ganzen Text. Viele ihrer Bücher sind vergriffen, aber einige findet man in Bibliotheken und als E-Books. Zum Beispiel "Judasfrauen" (Luchterhand, 1990). Darin erzählt Schubert von Denunziantinnen im Dritten Reich und welchen Missbrauch ein totalitäres Regime mit seinen Menschen treibt. In "Die Welt da drinnen" (Fischer Taschenbuch, 2003) verfolgt sie die Spuren von Patientinnen und Patienten einer Schweriner Nervenklinik, die 1941 von den Nazis als "lebensunwert" ermordet worden waren. Beiden Büchern liegt ein jahrelanges Aktenstudium zugrunde. Aus den Fakten erschafft Schubert lebendige Geschichten.

Haben Sie eine schöne Woche,

Stefanie Panzenböck

Bob Dylan hat 79-jährig ein neues Album veröffentlicht. Unser Popkritiker Gerhard Stöger verrät Ihnen in einem ebenso einfühlsamen wie kenntnisreichen Text, warum "Rough and Rowdy Ways" ein großes Alterswerk geworden ist.

Nicht nur der Bachmannpreis wich in die digitale Welt aus. Während der Corona-Pandemie war das Internet für viele Künstlerinnen und Künstler der einzige Ort, an dem sie ihre Arbeit präsentieren konnten. Aber da geht noch mehr, findet der deutsche Autor und Musikwissenschaftler Holger Noltze. Warum die Hochkultur sich im digitalen Raum mehr trauen sollte, lesen Sie hier.


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