Was niemand liest - FALTER.maily #269

Tom Rottenberg
Versendet am 18.07.2020

und gleich eine intime Frage fürs Wochenende: Lesen Sie Parteiprogramme? Seien Sie ehrlich. Es bleibt unter uns. Hand aufs Herz: Lesen Sie Partei- oder Wahlprogramme? Nein?

Falls Ihnen das peinlich ist, weil Sie sich für eine mündige und mitdenkende Wählerin, einen bewußten und kritischen Wähler halten, darf ich Sie beruhigen: Sie sind in bester Gesellschaft. Diese Programme liest niemand. Das zeigt folgende Geschichte:

Als ich für die Coverstory des aktuellen Falter mit der Plattform "Platz für Wien" plauderte, behauptete einer, die SPÖ wolle den Radwegeanteil im Wiener Straßennetz verzehnfachen. Derzeit hält Wien bei einem blamablen Prozent. Das glaubte ich nicht und lud – vergangenen Samstag – das rote Wahlprogramm herunter.

Ich staunte. Da stehen tatsächlich zehn Prozent drinnen. Und noch mehr: "300 km sichere Radwege auf Hauptstraßen, 50 km Fahrradstraßen, 375 km Einbahnen für den Radverkehr öffnen, 110 km Radschnellverbindungen, 72.000 Fahrradstellplätze". Ich war baff, aber lesen Sie auf Seite 53 nach, wenn Sie mir nicht glauben.

Noch baffer war allerdings "Platz für Wien": "Nein, das haben wir bis jetzt nicht gewusst. Aber: Das sind unsere Forderungen! Unser Wording, unsere Zahlen, unsere Reihung. Bist du sicher nicht auf unserer Website?" Ich schickte den Link, schallendes Lachen am Telefon. "Die haben unsere Forderungen reinkopiert! Ohne uns was zu sagen!" Pause. Lachen. "Wir können in den Sommerurlaub, die SPÖ macht für uns weiter!"

Nicht nur die Verkehrsinitiativler hatten bis letzten Samstag keine Ahnung, was seit März (da begann laut SPÖ-Wien-Website der "umfassende Beteiligungsprozess" zum Programm) Wille der Bürgermeisterpartei ist. Auch in der SPÖ weiß es offenkundig niemand: SP-Bezirksvorsteher stemmen sich wie eh und je gegen jede Rad-Maßnahme, die über Flächenkosmetik hinausgeht. SP-Bezirksparlamentarier sind sichere Bänke für Anträge gegen "Pop-Up"-Lanes, um Parkplätze zu schützen. Wurde Michael Ludwig je am Rad gesehen? Wissen Bezirkskaiser, dass ihre Partei die "Reduktion von Abstellmöglichkeiten für Pkw im öffentlichen Raum" fordert? Zwar mit dem Präfix "langfristig", aber trotzdem.

Die Geschichte geht aber noch weiter, denn sonst framen FPÖ und ÖVP alles, wo Radwege Parkplätze "gefährden" oder Auto-Fahrspuren reduziert werden, als Apokalypse. Haben diesmal Blau und Türkis-Schwarz etwa nicht mitbekommen, was Rot da im Programm hat? Oder ist das so keck, dass es der Opposition seit März die Sprache verschlägt? Wir wissen es nicht.

Oder befindet sich Toni Mahdalik, FPÖ-Verkehrssprecher, in Schockstarre ob der von "Platz für Wien" am Wochenende errechneten Kosten der SP-Pläne? Das sind nämlich 370 Millionen Euro, die insgesamt 1400 Kilometer echte, neue Radwege in der Stadt kosten würden. Aufgeteilt auf zehn Jahre, also 37 Millionen pro Jahr. Pro Kopf und Jahr wären das 20 Euro. Nur für den Radverkehr! Ließe sich der immer noch autogeile Boulevard diesen Elfer ohne Tormann nehmen? Unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist: Niemand hat das Wahlprogramm auch nur überflogen.

Aber zurück zu Wahlprogrammen: Die sind geduldig – und offenbar wurscht.

Doch diesmal könnte das nicht ziehen. Nicht, wenn Wien wieder Rot-Grün wird: Gestern, Freitag, unterzeichnete Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Birgit Hebein den Forderungskatalog von "Platz für Wien". Also den der SPÖ. Als Bürgerin – aber doch auch als Grünen-Chefin. Denn dass die SPÖ die Grünen in Sachen umweltfreundlicher Stadtverkehr abhängt, kann sich eine Öko-Partei nicht leisten.

Nicht einmal, wenn dieses Commitment nur in einem Papier steht, das weder Freund noch Feind sich je angeschaut haben.

Haben Sie ein wundervolles Wochenende – und lesen Sie auch das Kleingedruckte.

Ihr Tom Rottenberg

Nebenbei: Sogar mit dem Rad-pro-Kopf-Budget von 20 Euro im Jahr läge Wien im unteren Drittel europäischer Rad-Städte. In Oslo sind es 70, in Utrecht sogar 132 Euro pro Kopf und Jahr. Derzeit liegt Wien laut der "Radlobby" bei knapp fünf Euro pro Kopf und Jahr.

Ich mag ihn ja. Gerade weil er ein Ungustl ist, der auch innerhalb der Redaktion polarisiert: Berti Blockwardt. Nikolaus Habjans Puppe, dieser auf den Punkt gebrachte Spiegel jenes Mitläufer- und Denunziantentums, das nach Helmut Qualtingers "Herr Karl" oder dem "Bockerer" von Ulrich Becher und Peter Preses (ja eh, der Bockerer selbst war kein Herr Karl) ja nicht vom Erdboben verschwunden ist, ist wieder da – und macht Urlaub. Urlaub in Österreich. Jedenfalls sieht es so aus. Denn der Berufs-Anrainer sitzt erstmals nicht an seinem Fensterbrett auf der Lauer, sondern meldet sich aus dem Kleinwalsertal.

Dort hat ja laut Innenminister Karl Nehammer niemand gegen Corona-Abstands-Auflagen verstoßen: Die Anrainer nicht, weil sie, wie Berti entzückt feststellt, "seit Generationen im Kreis heiraten" – und der Kanzler sowieso nicht. Weil der ja sowieso nie etwas falsch macht. Gar nicht machen kann. So etwas beeindruckt nicht nur Berti Blockwardt.

Dass ausgerechnet Berti Blockwardt als "Beweis" dafür herangezogen wird, dass der Falter Fakten ignoriert, falsch zitiert und manipuliert, amüsiert uns aber doch: Etwa bei Sekunde 30 des Videos brüllt Herr Blockwardt Unflätigkeiten. Die Untertitel ersetzen den wahren – gut hörbaren – Wortlaut durch "Sympathieträger!"

In einer empörten (leider nicht archivierten) Reaktion bezichtigte uns ein Seher daraufhin unter anderem der "Fälschung", die so "plump" wie "entlarvend" sei. Und: Nein, das kam aus der absolut ironiefreien Zone.

Wir haben trotzdem gelacht.

Wissen Sie, was ein "gemeiner Rückenschwimmer" ist? Nein, kein rücksichtsloser Mensch im Freibad. Der "Rückenschwimmer" ist ein Tier. Ein Insekt aus der Familie der Wanzen. Er heißt so, weil er sich im Wasser eine Atem-Luftblase unter den Bauch klemmt und dann auf dem Rücken schwimmend Jagd auf kleinste Fische und Kaulquappen macht.

Ich hatte von seiner Existenz keine Ahnung – bis mich unlängst beim Freiwasserschwimmen in der Neuen Donau irgendetwas Unsichtbares unter Wasser so stach, dass sich ein Wespen- oder Bienenstich dagegen wie ein Wellnesstreatment anfühlt: Die Schulter schwoll über Nacht hulk-mäßig, das Jucken und Brennen ist jetzt, fünf Tage danach, noch nicht weg.

Da ich keine Ahnung hatte, wen oder was ich da im Wasser kennen gelernt hatte, fragte ich unseren Mann für alle Tier-Fälle, den Falter-Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz. Der Biologe gratulierte mir: "Du hast eine Wasserbiene getroffen, das gelingt nicht jedem." Dann erzählte er mir mehr von diesem mir bis dato völlig fremden Tier und schickte mir einen Link. Ich war, wie jedes Mal, wenn Iwaniewicz auf seine unnachahmlich kluge, humorvolle und herzliche Art Tiere erklärt, begeistert: Natürlich nervt es, gestochen oder gebissen zu werden – aber ohne diese Kollision hätte ich nie erfahren, dass es ein Tier wie den "Rückenschwimmer" überhaupt gibt. Und dieses Lernen & Staunen ist das bisserl Jucken und Brennen allemal wert.

Dann noch ein Hörtipp zum Wochenende: Wer soll das alles zahlen? Die Staaten wollen die Wirtschaft mit vielen Milliarden beleben. Ökonom Jens Südekum (Universität Düsseldorf) diskutiert mit Robert Misik im Bruno-Kreisky-Forum darüber, was ein gutes Konjunkturprogramm auszeichnet. Wie Schulden zurückgezahlt werden, hält der Volkswirtschaftsprofessor für sekundär. Das Gespräch hören Sie natürlich in unserem Falter Radio.


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