Von der Gnade der späten Geburt - FALTER.maily #271

Eva Maria Konzett
Versendet am 21.07.2020

ich bin, Ihnen kann ich es ja sagen, 1984 geboren. Als die Mauer fiel, fuhr meine Mutter mich zur Reitstunde. Als Boris Jelzin vor dem Parlament in Moskau auf den Tanker kletterte, sah ich die Szene braungebrannt im Italienurlaub auf Rai 1 mit Melone-Halbmonden in der Hand. Die Folgen der Jugoslawien-Kriege kamen in Form von neuen Schulfreundinnen zwar direkt, aber in ihrer unbedrohlichsten Version zur mir. Vom Krieg blieben mir nur Militärflugzeuge, vom viel zu früh gestorbenen Opa aus Papier gefaltet. So war der österreichische Beitritt zur EU 1995 das erste politische Ereignis, das ich in seiner Dimension zumindest erahnen konnte. Und zu Weihnachten 2001 nahmen wir dankbar die ersten Euromünzen von unter dem Christbaum und investierten sie alsbald von Neujahr bis  Dreikönigstag in Wein-Süß und andere alkoholische Abartigkeiten. 

Ich erzähle Ihnen das alles, weil ich im Grunde mein ganzes denkendes Leben mit der EU verbracht habe. Es gab nicht 1 und 0. Es gab nur 0. Die EU, das war der Nullpunkt meiner politischen Erfahrung. 

In Brüssel haben die vergangenen drei Tage die Staats- und Regierungschefs der EU in einem Sondergipfel getagt. Es ging um die Frage, wie das Budget ab 2021 ausgestaltet werden soll, und wie es nun mit dem Wiederaufbaufonds zu halten sei, jenem Instrument, das die pandemiegeplagten EU-Mitglieder vor allem im Süden stützen könnte. Ob man ihnen Zuschüsse gewähren oder nur Kredite darbieten solle, dieser Frage folgte die Front. Dass die Ungarn und die Polen das Brüsseler Spiel der Einstimmigkeit für ihre Zwecke gierig nutzen würden, es war zu erwarten. Die Politiker dieser beiden Länder haben wiederholt gezeigt, wie sie es mit den europäischen Werten halten. Sie pfeifen darauf. 

Aufgegeigt hat auch der junge österreichische Kanzler. Scharmützel wie die Anekdote des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wonach sich Sebastian Kurz nur um seine Bilder sorge, gehören zur Sitzungstradition. Die Totalopposition, mit denen sich Österreich gegen einen natürlich nicht perfekten, aber vernünftigen Aufbauplan wehrt nicht. Die aggressive antieuropäische Rhetorik von den “kaputten Systemen” im Süden, der Unterton der besserwisserischen Überheblichkeit, haben dort erst recht nichts verloren. Die europäische Bühne kann der Innenpolitik dienen, solange sie nicht Selbstzweck wird. Europa ist kein Kollateralschaden.

Ich erinnere mich an ein rezentes Gespräch mit einem Diplomaten. Der Mann, erfahren und seit langem im Amt, fragte irgendwann: “Ich bin mir nicht sicher, ob die jungen Politiker wie Kurz wissen, was sie in den Händen halten, was kaputt gehen könnte.” 

1 und 0. Davor und danach. Ich bin 1984 geboren, der Kanzler zwei Jahre später. Kann er es wissen? Ich sage, er muss. Die Gnade der späten Geburt trifft mitunter den Beobachter, den Handelnden aber trifft sie nicht.

Einen sonnigen Morgen wünscht

Eva Maria Konzett

Wie schwierig sich ein außerhalb der Norm gestalten kann, weiß jeder, der als Teenager zu groß, zu dick, zu anders war. Die deutschen Schweine aber, die entgegen ihrer Bestimmung weiter wachsen, werden zu einem wirtschaftlichen Problem. Weil der Großschlachter Tönnies durch die vielen Covid-Infizierten unter seinen geschundenen osteuropäischen Werksarbeitern den Schlachtbetrieb wochenlang schließen musste, haben 400.000 Schweine ihr Lebensziel überschritten. Und das Gewicht, auf das das ganze System ausgelegt ist. Über die Probleme, die der Einzelhandel hat, wenn das Nackensteak nicht mehr in die Verpackung passt und die Angst der Bauern vor Preisdumping, erfahren Sie in diesem lesenswerten Stück der Kollegen der deutschen Zeit.

Als Journalist muss man manchmal zum Ursprungsort, um besser zu verstehen. So führten mich meine Wege am Wochenende ins Café Bendl. Dort hat in einem Hinterzimmer Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) Ende Juni zu einem Hintergrundgespräch geladen, in dem, nun ja, die Landesverteidigung als oberster Heeresziel abgeschafft wurde. Wer das Bendl kennt, weiß, dass dieser Ort von Unsinnigkeiten lebt. Der Jukeboxkönig ist jedenfalls Rainhard Fendrichs Strada del Sole. Hilft auch bei coronabedingtem Fernweh.

Solidarisch mit Pamela Rendi-Wagner zeigt sich Harry Bergmann, der für uns aus der „Loge 17“ schreibt, und fliegt in die Wiege der Demokratie. „Ich habe mich zwar tagelang auf diesen Moment vorbereitet, aber jetzt versagen meine Nerven und ich zeige ihm versehentlich den QR-Code meines Boarding-Passes. Auch gut. Ich werde durchgewunken.“ Seine aktuelle Kolumne lesen Sie hier.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!