Der Rückkehrer - FALTER.maily #272

Florian Klenk
Versendet am 22.07.2020

manche FALTER-Geschichten muss man über sehr lange Zeit verfolgen. Etwa jene des Ottakringer Imams Mouhanad Khorchide, 48. Der Sohn palästinensischer Flüchtlinge, aufgewachsen in Saudi Arabien, sozialisiert und mit dem Keim des Liberalismus infiziert durch seine Großmutter im Libanon, ist eine faszinierende Figur, ein Streiter wider den islamischen Extremismus.

Khorchide ist nicht nur ein erfolgreicher Wissenschafter, sondern auch ein begeisterter Lehrer, offen für den interreligiösen Dialog. 2011 wurde er sogar von Papst Benedikt empfangen, so beeindruckend fand der Pontifex Khorchides Arbeit an der Uni Münster, wo er rund 900 Muslime zu Islamlehrern ausbildet.

Dass Khorchide in Deutschland so eine Karriere hinlegte, ist den Betonköpfen der Islamischen Glaubensgemeinde in Wien zu verdanken. Die hatten den studierten Soziologen nämlich 2009 buchstäblich aus Wien verjagt.

Khorchide hatte es damals nämlich gewagt, in seiner Dissertation das Weltbild von Wiener Islamlehrern abzuklopfen. Was zum Vorschein kam, war erschreckend. Ein Fünftel der Lehrer, die an Wiener öffentlichen Schulen unterrichteten, lehnte die Demokratie ab. Ein Viertel vertrat ein extrem reaktionäres patriarchales Weltbild. Khorchide wusste, dass seine Studie für Aufregung sorgen und seine körperliche Sicherheit gefährden würde, deshalb ließ er sie an seinem Institut sperren. Doch der damals beim FALTER arbeitende Redakteur Stefan Apfl lieh sich ein Exemplar an der Nationalbibliothek aus und schrieb diese erschütternde Geschichte.

Die Glaubensgemeinde und ihr damaliger Präsident Anas Schakfeh reagierten auf die Studie. Sie setzten aber nicht den Verantwortlichen für die Ausbildung der Islamlehrer ab (ein Mann, der später mit den Verbündeten des Islamischen Staates sympathisierte), sondern sie boykottierten und verleumdeten Khorchide, den Boten der unangenehmen Nachricht. Er wurde als Lehrer-Ausbildner gefeuert und so massiv unter Druck gesetzt, dass ihn ein Notarzt ins Spital brachte. Schließlich verließ Khorchide Österreich Richtung Deutschland, wo er heute als Professor an der Uni Münster unterrichtet und publiziert - etwa über den politischen Islam und den Missbrauch der Religion durch "Gottes falsche Anwälte", wie er Islamisten in seinem im Herder Verlag erschienenen Buch nennt.

Khorchide ereilt nun der Ruf aus Wien. Nicht die Glaubensgemeinde erklärte ihm allerdings die Solidarität, sondern ÖVP-Integrationsministerin Susanne Raab. Sie lässt sich von Khorchide beim Aufbau der neuen Beobachtungsstelle für den politischen Islam beraten. Das ist eine richtige Entscheidung Raabs, aber Khorchide wird aufpassen müssen, seinen guten Ruf zu schützen. Denn die ÖVP und die von Susanne Raab seinerzeit geleitete Integrationsabteilung im Außenamt hat schon einen angesehenen Forscher durch das Zuspitzen seiner Studie beschädigt. Was vom neuen Beobachtungszentrum zu halten ist? Ich finde es wichtig. Warum? Das habe ich hier kommentiert. Ein erstaunlich offenes, aber auch erschütternde FALTER-Gespräch mit Professor Khorchide lesen Sie hier.

Einen sonnigen Morgen wünscht,

Ihr Florian Klenk

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