Denkmalpflege - FALTER.maily #273

Matthias Dusini
Versendet am 23.07.2020

in den USA und Großbritannien werden Denkmäler gestürzt, in Österreich gepflegt. Am 1. August eröffnen die Salzburger Festspiele, wie jedes Jahr, mit der Aufführung von Hugo von Hofmannsthal „Jedermann“ auf dem Domplatz. Das Event feiert heuer den 100. Jahrestag seiner Gründung. „Der Jedermann gehört in einer zwingenden Weise zur DNA der Salzburger Festspiele“, sagt Intendant Markus Hinterhäuser im FALTER-Gespräch mit Martin Pesl. Während sich US-amerikanische Städte ihrer rassistischen Vergangenheit stellen, beharrt Salzburg auf einem Text, der die Welt von vorgestern verehrt: das Barock als Chiffre für Gegenaufklärung, soziale Ungleichheit und eine starke Hand. 

„Ich sehe die wenigen sich über die Nationen verstreuten Individuen, welche zählen, sich auf einen großen Begriff einigen: den Begriff der schöpferischen Restauration“, schreibt „Jedermann“-Autor Hugo von Hofmannsthal 1925 im Leitartikel der ersten Nummer der Europäischen Revue, die von seinem Freund Karl Anton Prinz Rohan gegründet wurde. Die Zeitschrift veröffentlichte auch Texte des italienischen Rassetheoretikers Julius Evola (1898–1974), einem radikalen Antisemiten und späteren Bewunderer von Heinrich Himmlers SS. Was schöpferische Restauration für manche auch bedeuten konnte, beschrieb Karl Anton Prinz von Rohan im März 1938 im Neuen Wiener Journal: „Der Führer ist in Österreich. Das Land ist am größten seiner Söhne gesund geworden.“

Der Biograf Ulrich Weinzierl zitiert in seinem klugen Buch über Hugo von Hofmannsthal den in Rage geratenen Dichter. Hofmannsthal, selbst mehrfach Zielscheibe antisemitischer Aggression, beschreibt 1917 in einem Brief an den Essayisten Rudolf Pannwitz ein ihm feindlich gestimmtes Milieu. Er liefert unfreiwillig eine treffende Beschreibung des fortschrittlichen Wiens der 1920er-Jahre: „(…) dieses greuliche Klüngel aus jüdischen Ärzten und Börseanern, Frauenzimmern, Schulreformern, Musikgelehrten, Psychoanalytikern, Feuilletonisten, Wucherern, Neo-idealisten, und wie diese Lemuren einer parasitären Existenz alle heißen.“ Der Hass auf die Anderen gehörte in der feinen Welt der Salzburg-Pilger zum guten Ton. Die Landesausstellung im Salzburg Museum widmet sich unter dem weihevollen Titel „Großes Welttheater“ dem Jubiläum der Festspiele. Ein bisschen Denkmalsturz wäre nach 100 Jahren schon drin gewesen.

Matthias Dusini

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Festspielstadt fand 2016 im Museum der Moderne Salzburg unter dem Titel „Anti:modern“ statt. (Der Katalog ist lieferbar.) 

Der Autor Mark Sedgwick beschreibt in „Gegen die Moderne“ die düstere und durchaus schillernde Welt der Traditionalisten, zu denen auch Karl Anton Prinz von Rohan und Julius Ebola zählten. Kurioserweise landeten einige dieser esoterischen Denker, die häufig mit dem Faschismus sympathisierten, beim Islam. So entstanden in Mailand oder Kairo von Europäern gegründete Sufi-Orden. 

Zum Thema Islam - genauer, dem politischen Islam - haben wir eine spannende Episode im FALTER-Podcast für Sie. Chefredakteur Florian Klenk spricht darin mit dem Religionssoziologen Mouhanad Khorchide, der die Regierung beim Aufbau der 'Dokumentationsstelle Politischer Islam' berät. Khorchide ist Autor jener Doktorarbeit, die mangelndes Demokratieverständnis unter Islamlehrern thematisierte. Die FALTER-Reportage aus 2009 von Stefan Apfl können Sie in unserem Archiv nachlesen. Das aktuelle Interview als Text finden Sie hier.

Kennen Sie schon den FALTER Think-Tank? Dort teilt Österreichs kritische Intelligenz aus Wissenschaft und Medien Meinungen, Kontroversen und Analysen zu den großen Themen der Zeit. Zuletzt hat dort Lisa Hanzl, Junior Economist am Momentum Institut, dargelegt, warum das EuGH-Urteil zugunsten des IT-Konzerns Apple der ideale Anlass ist, endlich wieder über Europäische Steuersümpfe zu sprechen.


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