Mein Lehrer, der Rassist - FALTER.maily #275

Nina Horaczek
Versendet am 25.07.2020

das Video eines Wiener Lehrers, der verächtlich die ausländisch klingenden Nachnamen seiner Schüler vorlas, schockierte. Es sind zehnjährige Wiener Kinder, die diesen Herbst in die 1. Klasse einer Neuen Mittelschule in Wien kommen. Ihr Lehrer machte sich in dem Video nicht nur über ihre Namen lustig. Er behauptete auch, diese Kinder werden ab Herbst den einzigen Buben in der Klasse, dessen Name österreichisch klingt, mobben.

Neben disziplinarrechtlichen Konsequenzen für den Lehrer wäre die beste Antwort auf dieses Video eine Debatte über institutionellen Rassismus im Bildungswesen. Wahrscheinlich ist Rassismus unter Lehrpersonen nicht stärker verbreitet als im Rest der Gesellschaft. Aber die Folgen sind schlimmer. Denn Schülerinnen und Schülern sind ihren Lehrerinnen und Lehrern ausgeliefert.

Neben dem offenen Rassismus, etwa wenn, wie im Juni in einer Grazer Volksschule, Türken als "Landplagen" bezeichnet werden, gibt es eine subtilere Form. Forscher der Universität Mannheim ließen 204 Lehramtsstudierende Deutsch-Diktate korrigieren. Ein Diktat war von einem Schüler namens Max, ein anderes von einem Murat. In beiden Diktaten fanden sich exakt dieselben Fehler. Trotzdem benoteten die angehenden Lehrerinnen und Lehrer Max um eine Note besser als Murat.

In Deutschland, wo man sich mit strukturellem Rassismus im Bildungswesen schon länger auseinandersetzt, stellte das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung fest, dass Lehrerinnen und Lehrer von türkischstämmigen Schülerinnen und Schülern viel weniger schulische Leistungen erwarten als von deutschen oder osteuropäischen Kindern. Diese Kinder, denen ihre Lehrerinnen und Lehrer weniger zutrauen, werden signifikant weniger oft aufgerufen und auch weniger gefördert (die Studie finden Sie hier).

In Österreich zählte die "Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen" (www.diskriminierungsfrei.at) in ihrem aktuellen Jahresbericht 403 Fälle von Diskriminierung im österreichischen Bildungswesen. Am häufigsten wurden diese Kinder und Jugendlichen wegen ihres "ausländisch" klingenden Nachnamens benachteiligt. Danach folgt ihre Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft.

52,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Wien sprechen eine andere Sprache als Deutsch zu Hause. Sie haben es nicht verdient, wegen ihres Nachnamens, ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens verspottet zu werden.

Nina Horaczek

Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien tun sich schwerer, Lesen zu lernen. Ihre Eltern haben oft nur einen Pflichtschulabschluss und können ihren Kindern in der Schule kaum helfen. So vererbt sich Bildungsungerechtigkeit von Generation zu Generation. Wer dagegen zumindest etwas Kleines beitragen möchte und ab Herbst eine Stunde pro Woche Zeit hat: Wiens Schulen suchen ehrenamtliche Lesepatinnen und Lesepaten, die Kinder jede Woche in der Schule beim Lesen lernen unterstützen. Dringend gesucht werden auch Lesepatinnen und Lesepaten mit anderen Erstsprachen. Informationen finden Sie hier.

2,8 Millionen oder jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen. Die Coronakrise hat diese Entwicklung nun noch verstärkt, wie eine neu veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Ihre Eltern arbeiten öfter als andere in Teilzeit oder in prekären Jobs und zählten zu den ersten, die ihre Arbeit verloren. Weil Kindergärten, Schulen und Jugendzentren geschlossen waren, fielen viele Unterstützungsangebote für diese Kinder weg. Die gesamte Studie finden Sie hier.

Sind Kinder Corona-Schleudern oder kann man sich bei ihnen gar nicht anstecken? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft seit Ausbruch der Krise. Eine große Studie mit 65.000 Teilnehmern aus Südkorea, über die die New York Times berichtete, warnt: Kinder ab dem Alter von zehn Jahren können das Virus genauso stark verbreiten wie Erwachsene. Jüngere Kinder würden Corona zwar nicht so leicht verbreiten, seien aber auch ein Risiko. Keine guten Nachrichten für den Schulbeginn im Herbst. Den Artikel der New York Times finden Sie hier.

Haben Sie Ihre Klimaanlage aufgedreht? Nach den Masseninfektionen in Fleischverarbeitungsunternehmen ging der Wissenschaftsjournalist Ranga Yokeshwar auf Youtube gemeinsam mit der deutschen Virologin Melanie Brinkmann und Adam Grundhoff, Professor für Genomik chronischer Viruserkrankungen, der Frage nach, wie es zu diesen Massenerkrankungen ausgerechnet in der Fleischindustrie kam, ob und wie gefährlich Klimaanlagen bei der Verbreitung des Coronavirus sind. Das Video finden Sie hier.

Im FALTER-Podcast geht es heute um Werner Koglers Distanz zu Kurz in Sachen EU. Was der grüne Vizekanzler beim EU-Gipfel anders gemacht hätte als der ÖVP-Bundeskanzler, erklärt Kogler im Videotalk mit dem Vizepräsidenten der EU-Kommission Frans Timmermans. Das Gespräch wurde im 'Europa Club Live' der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik aufgezeichnet. Hören Sie rein!


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