Das Geschäft mit den Coronatests - FALTER.maily #276

Lukas Matzinger
Versendet am 27.07.2020

in wenigen Sekunden stellte der Zeit im Bild-Anchorman Armin Wolf das Wissen über diese Pandemie infrage. Er konfrontierte den Gesundheitsminister Rudolf Anschober im Interview: "Man weiß, dass zirka ein Prozent der Corona-PCR-Tests falsch-positive Resultate liefern. Also, dass jemand als positiv getestet wird, obwohl er das Virus gar nicht hat. Das sind bei zirka 8.000 Tests in Österreich etwa 80 falsche Meldungen jeden Tag."

Faszinierend. Ein großer Teil der "täglichen Neuinfektionen" sind also nur falsch befundete Gesunde? Andreas Sönnichsen vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien schließt aus der schlechten Trefferquote sogar, dass Corona "in der Bevölkerung so gut wie nicht mehr" vorkomme. Anschober sprach im Fernsehen dann von einem "Rest-Unsicherheitsfaktor, den die Wissenschaft noch nicht ausschalten konnte."

Faszinierend daran ist, wie die Öffentlichkeit und die Politik die vielen falschen Testergebnisse als Naturgesetz hinnehmen.

Schon Mitte Mai wollten es die MedUni und die Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung und Standardisierung medizinisch-diagnostischer Untersuchungen (ÖQUASTA) in einem Rundversuch wissen: Sie schickten vier Abstriche von Corona-Tests an 52 österreichische Labore: zwei Proben waren eindeutig Covid-positiv, eine war eindeutig negativ, eine war schwach positiv.

Das beunruhigende Ergebnis: Die Labore hatten 40 Prozent der schwach positiven Proben nicht als solche erkannt, sondern als negativ beurteilt. In der Praxis würden diese Infizierten also einen negativen Befund bekommen und sorglos heimgehen.

Wie ist das möglich? Ist die Unzuverlässigkeit der österreichischen Coronatests wirklich nur eine wissenschaftliche "Rest-Unsicherheit", wie Anschober sagt?

Oder könnte es sein, dass die ministeriellen Ankündigungen von 15.000 Tests pro Tag (Kurz), 30.000 Tests pro Woche für Risikoberufler (Anschober) und 65.000 für Hotelmitarbeiter (Köstinger) eine Goldgräberstimmung in der Covid-19-Diagnostik aufkommen ließen?

Dass in den vergangenen Monaten Teststellen aus dem Boden schossen und sich in den Laborlisten der Ministerien auch ein Tierarzt, das Amt für Rüstung und Wehrtechnik oder ein IT-Start-Up aus Göstling an der Ybbs befinden? Viele Über-Nacht-Labore haben nicht ausreichend Erfahrung damit, gute Rachenabstriche zu nehmen, wartende Probanden zu isolieren oder knappe Ergebnisse zu analysieren.

Ein gutes Geschäft sind die Coronatests allemal, vor allem, wenn man sogenannte Pools testet. Viele Labore mischen mehrere Proben und analysieren sie gemeinsam. Zeigt sich in der ganzen Mischung kein Virus, bekommen alle Getesteten negative Befunde. Nur falls irgendwo im Pool Viren sind, testen die Labore alle Proben noch einmal einzeln. Sonst verrechnen sie mehrere Tests, machen aber de facto nur einen. Das Problem an der Methode: Schwach positive Proben können sich in der Mischung ins Unkenntliche verdünnen. Hoffentlich starten Sie dennoch mit stark positiver Stimmung in die Woche.

Lukas Matzinger

Er hat es einfach 1 genannt. The Rapture ist eine stets wahnwitzige Rockband aus New York City, ihr Sänger Luke Jenner hat gerade sein erstes Album herausgebracht. 1 ist eine Meditation von einer Platte, der Katzenmensch Jenner hält Innenschau, er singt über Missbrauch, Sucht und darüber, zu lieben. Ein außergewöhnliches, schönes Album, das wir heuer brauchen.

Was wurde eigentlich aus der Shredder-Affäre, die der FALTER vor ziemlich genau einem Jahr aufdeckte? Das wird unser Herausgeber, Chefredakteur und Seuchenkolumnist Armin Thurnher auch gelegentlich gefragt. Seine Gedanken dazu können sie in seiner Kolumne vom Wochenende nachlesen. Die Seuchenkolumne können Sie hier kostenfrei abonnieren.

Nun, da wir Ihnen das perfekte Gesprächsthema für das nächste Abendessen mit Freundinnen und Freunden geliefert haben, möchten wir Sie passend dazu noch mit kulinarischen Tipps versorgen. In unserem Grundkurs Kochen liefern wir wöchentlich Rezepte vom perfektem Butterbrot bis zum Tapioka-Perlen Pudding. Gesammelt und gebunden finden Sie diese Schmankerl hier. Im Gerichtsbericht der aktuellen FALTER-Ausgabe stellt Ihnen Katharina Seiser außerdem einen sommerlichen Klassiker der italienischen Küche vor: Vitello tonnato. Trauen Sie sich drüber, es zahlt sich aus!


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