Wetterkapriolen - FALTER.maily #279

Birgit Wittstock
Versendet am 30.07.2020

lassen Sie uns mal übers Wetter reden. Über 37 Grad wurden am Dienstagnachmittag in der Wiener Innenstadt gemessen. Der erste echte Hitzetag in diesem Sommer also. Viele haben sich danach gesehnt, wollten endlich baden gehen, wenigstens ein bisschen Urlaubsfeeling in der Stadt genießen. Aber weil die Wiener Bäder die maximale Besucherzahl COVID-bedingt auf gut ein Drittel begrenzt haben, dürfen nur rund 40.000 Besucher gleichzeitig hinein. Das führte dazu, dass erstmals seit Saisonstart Ende Mai die eingeführten "Bäderampeln", die in Echtzeit die Auslastung anzeigen, in allen 17 Freibädern auf Rot standen.

Jene Szenen, die sich daraufhin vor dem größten Freibad der Stadt, dem Gänsehäufel, abspielten, dokumentierten, warum die Menschheit ihrer beiden aktuell bedeutendsten Probleme – dem Klimawandel und Corona – nicht Herr wird. Der Grund: kollektiver Egoismus.

Denn nicht nur, dass sich massig Leute, anstatt der Idee des Ampelsystems zu folgen und unnötige Fahrten zu schon vollen Bädern zu vermeiden, in langen Warteschlangen drängten. Auf dem Parkplatz und in den umliegenden Straßenzügen kreisten auch stundenlang hupend PKW auf der Suche nach einer Parklücke. Warum? Weil viele Besucher anstatt mit den Öffis mit dem Auto gekommen waren – schließlich kann man in Kaisermühlen ja immer noch gratis parken. Denn die Donaustadt zählt mit Hietzing und Floridsdorf nicht nur zu den letzten parkpickerlfreien Bezirken, sie ist auch jener Bezirk mit der größten Autodichte der ganzen Stadt. Und zumindest Ersteres soll laut dem roten Bezirksvorsteher der Donaustadt, Ernst Nevrivy, weiterhin so bleiben. "Egal, ob das die Vizebürgermeisterin will oder nicht“, bestellte er der grünen Verkehrsstadträtin und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein jüngst via Kurier.

Deren Vorgängerin, Maria Vassilakou, hatte 2011 kurz nach dem Antritt der rot-grünen Koalition zusammen mit Ex-SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl in der sogenannten Smart-City-Rahmenstrategie festgelegt, dass der motorisierte Individualverkehr in Wien bis 2030 auf 15 Prozent reduziert werden soll. Schließlich ist der Individualverkehr neben Stromerzeugung und Industrie einer der größten CO2-Erzeuger. Das ambitionierte Ziel, die Stadt zum Wohle aller weitgehend autofrei zu machen, lässt sich jedoch offenbar nur mit radikalen Maßnahmen erreichen. Denn während sich die Öffi-Nutzung in den vergangenen acht Jahren kaum verändert hat, steigt der Anteil des Autoverkehrs langsam weiter an.

Gelingt es der Stadtregierung nicht, die Wienerinnen und Wiener von der unbedingten Notwendigkeit des Plans zu überzeugen und ihn gemeinsam umzusetzen, bleiben Maßnahmen wie coole Straßen, Fassaden- und Dachbegrünungen, Baumpflanzungen und Sonnensegel sinnlose Oberflächenkosmetik und sengende Hitze sowie Unwetter mit Schüttregen, Sturmböen und Hagel, wie sie am Dienstagabend folgten, werden zum Alltag werden.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommertag,

Birgit Wittstock

Falls Sie es nicht ohnehin schon längst getan haben: "Komm, heißer Tod". In seinem mit dem Österreichischen Umweltjournalismus-Preis ausgezeichneten Bericht erklärt FALTER-Redakteur Benedikt Narodoslawsky das Thema Klimaerwärmung anschaulich am Beispiel von Wien.

Das Leben des Menschen ist in den vergangenen 200 Jahren Industriekapitalismus zusehends bequemer geworden. Um welchen Preis, sehen Sie in der Arte-Dokumentation "Die Erdzerstörer".

Was also tun, wenn die Temperaturen hoch und die Bäder voll sind? In unserer Sommerserie "Im Hof" laden wie Sie ein, Abkühlung in den Wiener Höfen zu suchen. Diese Woche haben wir einen richtigen Geheimtipp für Sie: den historischen Innenhof hinter dem Josephinum in der Van-Swieten-Gasse.

Sollte nun Ihre Neugierde auf die versteckten Schattenplatzerl der Stadt geweckt sein, möchten wir Ihnen folgendes Buch empfehlen: "Geheime Pfade - Durchhäuser, Hinterhöfe und versteckte Gassln in Wien" ist im FALTER-Verlag erschienen und gewährt Einblick in die verborgenen Ecken der Hauptstadt.

Auch im Parlament wird es heiß und der Ibiza-Untersuchungsausschuss geht in die Sommerpause. Was hat das parlamentarische Kontrollgremium bisher erreicht? Der FALTER bat die Vertreterinnen und Vertreter der fünf Parteien zu einem Austausch über den Sinn des Tribunals. Das Streitgespräch können Sie hier hören oder hier lesen.


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