Explicit Content - FALTER.maily #281

Gerhard Stöger
Versendet am 01.08.2020

als Bub aus der Kärntner Provinz dachte ich in jungen Jahren, das Wort „Fotze“ seit Hochdeutsch für „Fotzn“, Ohrfeige also. Bis heute schwingt für mich die körperliche Übergriffigkeit der Watsche mit, wenn es als Schimpfwort oder derbe Bezeichnung für Vulva auftaucht.

Dementsprechend bin ich leicht zusammengezuckt, als das Berliner HipHop-Duo SXTN im Herbst 2017 sein Konzert im ausverkauften Wiener Flex begann. „Jetzt sind die Fotzen wieder da! Jetzt sind die Fotzen wieder da!“ plärrten die Rapperinnen Juju und Nura, lautstark bejubelt. „Heute ficken wir die Szene, alle andern sind egal / Wir sind asozial und geil, ihr seid nur asozial“ heißt es an anderer Stelle des Songs „Die Ftzn sind wieder da“. Genau in dieser Manier ging die Konzertparty weiter: prollig, ausgelassen und explizit, allerdings auch mit gutem Schmäh.

Die Aneignung und positive Umwertung frauenfeindlicher Schimpfworte haben SXTN nicht erfunden. Im US-Rap ist das etwa Jahrzehnte davor schon mit dem Wort „Bitch“ passiert, das längst nicht mehr für „Miststück, Luder“, sondern für „coole Alte“ steht. Im deutschen Sprechgesang hatte das aber durchaus eine neue Qualität. Nachzufragen, was es mit all dem „Fotze dies“ und „ficken das“ bei SXTN auf sich hat, war in der Folge leider nicht möglich; „Leben an Limit“, 2017 erschienen, sollte ihr einziges Album bleiben.

Inzwischen verfolgen die beiden Rapperinnen Solokarrieren. Nura, die eigentlich Nura Habib Omer heißt, 1988 in Kuwait zur Welt kam und als Kleinkind mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern nach Deutschland flüchtete, veröffentlicht kommenden Montag ihre Autobiografie "Weißt du, was ich meine? Vom Asylheim in die Charts". Im Gespräch zum Buch hält sie, was das energiegeladene SXTN-Konzert damals versprochen hatte. Warum Alice Schwarzer für Nura keine Feministin ist, Arabella Kiesbauer einst aber ein Vorbild war, lesen Sie nächste Woche im FALTER. Und was genau ein "Atzenweib" ist, erfahren Sie dort auch.

Ein wunderbares Wochenende und: stay tuned!

Gerhard Stöger

Macho-Maulhelden lustvoll die Luft auslassen: Wie einfach das sein kann, demonstrierte die US-Rap-Ikone Missy Elliott 2009 mit ihrem Hit "Work It". "Du glaubst also, du hättest den Längsten", rappt sie darin. "Zeig doch her! So groß kann er gar nicht sein, dass ich nicht damit fertig würde!"

Deutschrap regiert seit Jahren die Charts und Kinderzimmer. Angefangen hat es Anfang der 1990er als kleine Subkultur mit politischem Anspruch, wie etwa „Fremd im eigenen Land“ vom Heidelberger Trio Advanced Chemistry zeigt.

Reisen ist ja nicht so das Ding dieser Tage. Sollte es Sie trotzdem nach Kopenhagen verschlagen: Die Dänische Königliche Bibliothek zeigt noch bis Februar 2021 die Ausstellung „Stranger Than Kindness“ zu Leben und Werk des australischen Songwriter-Giganten Nick Cave.

"Der Babyelefant ist tot", titelte eine Österreichische Tageszeitung und versetzte damit unseren Loge 17- Kolumnisten Harry Bergmann in Angst und Schrecken. Wie so viele von uns hatte er den imaginären Dickhäuter, der uns seit Anbeginn der Pandemie begleitet, längst ins Herz geschlossen. Es war Mord mit sicherem Abstand, so viel steht fest. Wer für die Tat verantwortlich sein könnte, erörtert Bergmann in seiner aktuellen Kolumne.

Abschließend haben wir noch eine jugendfreie Empfehlung für Sie: Im FALTER-Radio hören Sie heute Anna Goldenberg im Gespräch mit der Kinderbuchforscherin Heidi Lexe und dem Psychiater Kurosch Yazdi. Sie unterhalten sich darüber, wie viel Digitalisierung für unsere Kinder gesund ist, und ob sie inmitten der digitalen Reizüberflutung gar das Lesen verlernen. 


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!