Hier spricht die Polizei - FALTER.maily #290

Florian Klenk
Versendet am 12.08.2020

die letzten Wochen saß ich viel in Kaffeehäusern. Ich hatte mein kleines Notebook vor mir und tippte etwa hundertfünfzig Seiten voll. Mir gegenüber saßen meist junge Menschen, denen ich noch nie so lange und so intensiv zuhören konnte: Polizistinnen und Polizisten.

Sie traten mir nicht in Uniform gegenüber, sondern in Shorts und Sneakers. Sie sprachen unter der Zusicherung von Anonymität über ihren Job, ihre Ängste, ihre Kollegen, ihr Weltbild und über das, was schief läuft bei der Polizei. 

Nein, es ist keine repräsentative Studie, ganz im Gegenteil. Es sind Gespräche mit Menschen, die sich aufgrund eines Social-Media-Aufrufs bei mir für dieses Experiment gemeldet haben. Polizisten und Polizistinnen aus Favoriten und Rudolfsheim-Fünfhaus, Beamte vom Land und solche, die sich in der Stadt zu Hause fühlen. Sie erzählen ganz unterschiedliche Geschichten. Sie sprechen über Rassismus und Sexismus im Wachzimmer, über Prügeleien und über schlechte Ausrüstung. Aber auch über ihren Alltag, über das Auffinden von Leichen und die Nöte mit verwahrlosten Jugendlichen in Parks oder psychisch Kranken. Die Geschichten bieten seltene Einblicke in die dunklen Seiten der Stadt.

Ich gebe zu: Ich habe noch nie so viel in so kurzer Zeit gelernt. Ich hörte neugierig zu, denn in Sachen Polizei kommt derzeit viel zusammen. Der rassistische Mord an George Floyd, die rechtsextremen Umtriebe bei der deutschen Exekutive. Die Prügelorgien in den USA und in Belgrad (oder derzeit in Belarus). Aber auch Videos und sadistische Amtshandlungen in Wien machen Schlagzeilen. Mal wird ein Mann von Beamten geohrfeigt, mal ein Obdachloser grausam gequält.

Ich wollte wissen, wie ganz normale Polizistinnen und Polizisten über all das denken. Mehr noch. Ich wollte wissen, was sie jeden Tag erleben, abseits der Schlagzeilen. Ich wollte erfahren, wie eine Polizeibehörde entgleisen kann und wie man sie in einem Rechtsstaat daran hindert. Die autorisierten Protokolle lesen Sie hier.

Eine sonnige Woche wünscht,

Florian Klenk

Das Polizeiprojekt war lehrreich und reizvoll für mich, denn wir decken im Falter seit über 20 Jahren die Verfehlungen der Exekutive auf. Meine KollegInnen und ich schrieben über Beamte, die folterten oder quälten, oder die Unbewaffnete töteten, weil die Dienstwaffe zu locker saß oder sie voller Vorurteile den Dienst versahen. Nur selten kam es zu Konsequenzen. Das hat System, wie eine Studie der Uni Wien enthüllte.

Ein Fall, der mir nie aus dem Kopf gehen wird, ist der grausame Tod von Marcus Omofuma. 1999 wurde der nigerianische Familienvater von Polizisten im Flugzeug wie eine Mumie mit Klebeband eingewickelt und sein Mund verklebt. Nina Weißensteiner und ich deckten damals auf, dass das rot regierte Innenministerium vom Mundverkleben wusste.

Das Gericht behandelte die Beamten milde und schickte sie mit acht Monaten auf Bewährung zurück in den Dienst. Die Krone höhnte, man solle den Kritikern der Polizei den Mund verkleben. Wieso aber, fragte ich mich, griffen die Passagiere nicht ein? Ich reiste ihnen nach Utrecht nach und fragte sie. Diese Geschichte über Macht und Ohnmacht lesen Sie hier.

In meinen Gesprächen mit den Polizisten lernte ich noch etwas. Bei der Ausbildung müssen Polizeischüler durch eine Turnhalle laufen. Danach liegen sie schnaufend am Boden, Brustkorb am Boden und ein Kollege setzt sich auf sie. So lernen sie, in welche Atemnot man geraten kann. Der Grund für dieses Training ist der Erstickungstod von Cheibani Wague. Im Falter habe ich seinerzeit die kriminellen Hintergründe seines Todes rekonstruiert. Die Beamten wurden mit milden Strafen auf Bewährung sanktioniert.

„Wer alt genug ist zum Einbrechen, der ist auch alt genug zum Sterben“. Das schrieb der Krone-Kolumnist Michael Jeannée, als der Falter die Geschichte des von der Polizei erschossenen 14-jährigen Schülers Florian P. rekonstruiert hatte. Auch hier dasselbe Muster: ein Polizist schießt einem Unbewaffneten aus zwei Metern Entfernung in den Rücken. Er geht zurück ins Wachzimmer, dank richterlicher und medialer Milde. Jeannées Dienstgeber, die Kronen Zeitung, hat übrigens wegen dessen Hasskommentaren erneut einen Prozess verloren. Die Details erfahren Sie in der Kolumne von Armin Thurnher. 

Was macht Polizeifolter mit den Opfern? Nina Horaczek hatte einst den Fall Bakary J. aufgedeckt. Horaczek und ich trafen den traumatisierten Familienvater Jahre später zu einem ausführlichen Gespräch über die Demütigungen durch Polizei, Medien und Politik. Drei seiner Peiniger wurden entlassen. Der Vierte galt später als resozialisiert und wurde befördert.


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