Nuhr Spaß - FALTER.maily #295

Birgit Wittstock
Versendet am 18.08.2020

wie haben Sie Ihren Sonntag so verbracht? Meiner war wie ein ausgedehnter Zahnarzttermin. Gut, ich übertreibe: Er war nicht so schlimm wie eine Wurzelspitzenresektion, aber Spaß war er auch keiner. Dabei hätte es eigentlich einer sein sollen. Zumindest hat das meine Stiefmutter behauptet, als sie mich ins Kabarett einlud, oder besser gesagt ins Theater im Park, Michael Niavaranis Corona-Sommerbühne im bislang nur wenigen Auserwählten zugänglichen Belvedere-Park. Den Kabarettisten, einen Deutschen namens Dieter Nuhr, kannte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht, also sagte ich zu und wollte mich überraschen lassen.

Wenige Tage vor der Vorstellung erfuhr ich dann, dass Nuhr aktuell einer der umstrittensten Spaßmacher Deutschlands ist und die Vorwürfe gegen ihn von Klimawandelleugner über Rassist und Sexist bis hin zu Lisa-Eckhart-Verteidiger reichen. Er hatte sich mit der PC-Polizei angelegt und...nun ja, vielleicht nicht verloren, aber doch ziemliche Watschen kassiert. Unberechtigt, zumindest kam der Kollege meines Vertrauens, Feuilleton-Chef Matthias Dusini in seiner Einschätzung letzte Woche zu diesem Schluss. "Ein antikapitalistischer Kopftuchversteher würde nicht mehr aus ihm werden" schrieb Dusini und bezeichnete Nuhr als "gut gelaunten Wutbürger", der an einem Stammtisch jener wäre, "der den anderen Gästen entschuldigend zulächelt, wenn es zu derb wird."

Am Sonntag dann also, als ich in einem nicht ausverkauften Belvedere-Park zwischen Nuhr-Fans saß, und dieser deutsche Aufreger die Bühne betrat, sah ich weniger einen frechen Wutbürger, als viel mehr einen dieser einfallslosen kabarettistischen Langweilern, deren humoristisches Rezept daraus besteht, die üblichen abgegriffenen Schmähs über Unisextoiletten, Binnen-I und Gendersternchen zu reißen, über die verweichlichten Kids von heute – denn alle Generationen vor den Millenials und der Generation Y waren ja bekanntermaßen wahnsinnig wilde Hunde – und in jedem dritten Satz darauf hinzuweisen, kein Sexist, Rassist oder Klimawandelleugner zu sein. Aber. Ein Selbstverteidigungsprogramm also. Und das Publikum beklatschte seinen Mut, denn man darf sich von der PC-Polizei ja nicht den Mund verbieten lassen.

Das stimmt zwar, und im Kabarett umso mehr. Jedoch ist das Schmähführen über Gruppen, denen man nicht angehört die billigste, einfallsloseste und platteste Kategorie des Humors, die einen nichts über die Welt und sich selbst lehrt. "Ein Königreich für Josef Hader", dachte ich mir an diesem Sonntagabend. Denn der hat es drauf, das Publikum – über den Umweg seiner Abgründe – in die eigenen blicken zu lassen. Das ist gutes Kabarett.

Ich hoffe, Sie hatten mehr zu lachen,

Birgit Wittstock

Sollten Sie den Falter letzte Woche verpasst haben, können Sie hier Matthias Dusinis Einschätzung des Skandals um Dieter Nuhr nachlesen.

Alt, aber einfach immer wieder grandios: Josef Haders "Sehr roh und gefühllos".

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