Vorhang auf! - FALTER.maily #296

Armin Thurnher
Versendet am 19.08.2020

persönliche Bekenntnisse sind an dieser Stelle nichts Ungewöhnliches mehr. Deshalb zögere auch ich heute nicht, Ihnen Persönliches zu berichten. Ich habe einst am Theater angefangen. Das Cafétheater, so hieß es zuerst, war eine Art Theaterkollektiv, das auf entschlossener Selbstausbeutung beruhte. Anders wäre vor 50 Jahren Off-Off-Theater nicht möglich gewesen. Es gab nur Hochbeamtentheater, am Ring, am Gürtel und an der Zweierlinie, zum Beispiel. Und uns, die dreckige Avantgarde, die es umsonst machte.

Für mein erstes Stück, gemeinsam geschrieben mit dem verstorbenen Heinz Rudolf Unger, "Stoned Vienna", 1970 aufgeführt bei der ersten Festwochen-Arena, erhielt ich ein Honorar von öS 100.– (geschätzt heute etwa 35 Euro), Bühnenmusik (Ausführung und Komposition) sowie Komparserie inklusive. Versoffen wir mühelos an einem Abend.

Dafür stellten wir Ansprüche: wir wollten ein demokratisches Ensemble sein. Einige Leute dort, darunter ich, hatten die Flausen, alle Hierarchien aufzuheben, ernst zu machen mit dem Kollektivgedanken. Das Cafétheater wurde alsbald in Ensembletheater umbenannt. Meine Vorstellung von Theater war es, gemeinsam mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus der Probenarbeit einen Stücktext zu entwickeln; meine Rolle als Autor wäre es gewesen, ihn aufzuschreiben.

Der Regisseur und Intendant stand naturgemäß dabei im Weg. Patriarch, Schlitzohr, Freund und Despot in einem – Ensembletheater hin oder her, der Prinzipal Dieter Haspel hatte das Sagen. Naturgemäß lehnten wir uns gegen ihn auf. Als unsere Revolte scheiterte, verließen wir in aller Freundschaft, aber nicht ohne Murren, das auch ohne uns nicht sinkende Schiff. So war ich frei und projektlos, als ein paar Jahre später der Falter auf mich zuschaukelte.

An meine theatralische Vorgeschichte musste ich denken, als ich den Bericht des Schauspielers Manuel Bräuer über seine aufwühlenden und erniedrigenden Erlebnisse mit dem Regisseur Paulus Manker las, der im aktuellen Falter erscheint und, nebenbei bemerkt, großartig geschrieben ist. Manker, ein Theaterdespot, wie es sie immer gab, aber in dieser Form nicht geben müsste, wischt Bräuers Anklage weg. Ich wische nicht, ich fühle mich an meine Anfänge erinnert.

Kunst entsteht immer zum Nutzen einiger und unter Beschädigung weniger, und sei es nur jener, die sie schaffen. Warum tun sie sich das an? Weil sie etwas schaffen möchten, wofür es sich zu leben lohnt. Etwas, das aus dem gewöhnlichen Leben herausragt, etwas, das ihr Leben rechtfertigt, weil es dadurch so außergewöhnlich wird, dass sie bereit sind, dafür einen Preis zu zahlen. Ein solches Risiko wird sich nie arbeitsrechtlich absichern lassen; andererseits ist es nicht statthaft, den Wunsch einiger, dieses Risiko auf sich zu nehmen, auf eine Weise zu missbrauchen, die ihnen schadet.

Wenn ich ergänzen darf: ohne extreme Selbstausbeutung hätte es den Falter nie gegeben; sie war aber freiwillig, wurde gemeinsam beschlossen und ersetzte, weil alle für die ersten zwei Jahre auf jede Bezahlung verzichteten, fehlendes Kapital.

Noch einmal: Selbstausbeutung kann es geben, sie kann sogar nötig sein. Aber sie muss eine freie Entscheidung der sich Ausbeutenden bleiben. Niemals rechtfertigt sie Tyrannei und Machtmissbrauch.

Eine schöne, selbstbestimmte Restwoche wünscht Ihnen

Armin Thurnher

Wenn Sie die Seuchenkolumne nicht meinetwegen lesen, dann wegen des Virologen Robert Zangerle, dessen Kommentare Sie in keinem anderen österreichischen Medium finden werden, außer in dieser Kolumne. Darauf bin ich recht stolz. Seine kompetenten Informationen werden auch von den Experten des Gesundheitsministeriums aufmerksam mitgelesen. Wenn Sie die Seuchenkolumne abonnieren, was naturgemäß nichts kostet, sind Sie früher dran.

Kürzlich war er im Podcast zu hören. Bald wird Kollege Benedikt Narodoslawsky aus der Väterkarenz in den Falter zurückkehren. Derweil lesen Sie am besten schnell sein Buch über die Klimakrise und jene Leute, die hierzulande etwas gegen sie tun.

"Darf ich Sie auch etwas fragen? Haben Sie schon einmal einen Angeschissenen durchsucht?" Diese Gegenfrage stellte ihm einer jener Polizistinnen und Polizisten, mit denen Florian Klenk ausführliche Gespräche führte, die er in Falter 33 veröffentlichte. Sie sind nun online freigeschaltet, was die Lektüre verbilligt, aber nicht weniger lohnend macht.


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