Der Salon des Zauberers - FALTER.maily #305

Matthias Dusini
Versendet am 29.08.2020

beim Porträt des Dichters Guillaume Apollinaire hellte sich die Stimmung auf. Die Zeichnung zeigt den im Ersten Weltkrieg am Kopf verwundeten Picasso-Freund und Vater des Surrealismus. Ein Künstlerkollege besuchte Apollinaire im Krankenhaus und hielt die Szene fest, die Grausamkeit und Zärtlichkeit der Avantgardisten symbolisiert. Wer so eine Grafik an der Wand hängen hat, den lieben die Götter.

Der Universalkünster André Heller reagierte auf ein Maily, in dem der Autor unlängst dessen Fähigkeiten als Gartengestalter in Frage stellte. Der Musiker, Schriftsteller, Szenograf und Magier wollte auf die Kritik nicht mit einer Polemik reagieren, sondern seine Leidenschaft für die gestaltete Natur darlegen. Gastfreundlich öffnete er seine Wohnung und der Gast saß in einem der schönsten Salons der Stadt. Jede afrikanische Maske, jedes Gemälde erzählt eine Geschichte. 

Der Künstler erinnerte sich an die Kindheit im Schlosspark von Schönbrunn, wo sich der Bub in den Glashäusern in die Tropen hineinträumte. In Venedig wäre Heller beinahe in den Besitz des Gartens von Friedensreich Hundertwasser gekommen, wenn nicht … ein ander Mal. Vor allem wollte der Tausendsassa von seinem Park Anima in Marrakesch berichten, seinem letzten Projekt, in das er seine ganzen Ersparnisse steckte. Mitten in der Steinwüste entstand ein Paradies aus Palmen und exotischen Blumen. Man wollte die Augen zumachen und dieser Sprache zuhören, einer Mischung aus Wiener Vorstadt und Schnöselbezirk, dem Salondialekt Hellerisch. 

In Österreich gilt André Heller als Künstler, der keine Kritiker hat. Auf einen Verriss kommen hundert Lobgesänge. Es gibt wohl keine Kulturjournalistin, keinen Kulturjournalisten, der Anima noch nicht besucht hätte. Alle kommen mit glänzenden Augen aus Afrika zurück. Auch beim Maily-Verfasser beginnt das Elixier zu wirken, er hört die sanfte Stimme: "Kommen Sie mich doch einmal in Marrakesch besuchen." Hat Apollinaire gerade mit dem Kopf genickt?

Matthias Dusini

Die Wiener Künstlerin Verena Dengler hat sich mit der Schönheit städtischer Brachen beschäftigt. Ihre Ausstellung „Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn“ läuft noch bis 6.9. in der Secession.

Manche halten den Theatermacher Paulus Manker für ein cholerisches Genie, andere für einen cleveren Geschäftsmann, der seine Belegschaft ausbeutet. Um These 2 zu überprüfen, veröffentlichen wir im aktuellen Falter weitere Protokolle von Manker-Opfern. Danke für deren Courage.

Es dürfte Ihnen kaum entgangen sein, dass Bundeskanzler Kurz sich gestern in einer "Rede zur Lage der Nation" an die Österreicherinnen und Österreicher (und alle, die hier leben?) gerichtet hat. Abgesehen davon, dass wir alle bald jemanden kennen werden, der die Phrase mit dem Licht am Ende des Tunnels nicht mehr benutzen wird, hatte Kurz in den "Corona-Monologues" nicht viel Neues zu erzählen. Außer, dass er an den Dingen, die in den vergangenen Monaten schief gelaufen sind, eigentlich nicht beteiligt war. Seuchenkolumnist und Falter-Herausgeber Armin Thurnher hatte im Vorfeld eine alternative Rede für den Bundeskanzler vorbereitet. Die hätte ein wenig anders geklungen, hier können Sie sie nachlesen.

Im aktuellen FALTER-Podcast dreht sich alles darum, wie, wen und warum wir lieben. Das Symposium der Salzburger Festspiele fragt anhand des "Jedermann" was Liebe eigentlich ist. Ein Trieb, ein Gefühl, eine Philosophie? Unter der Leitung von Michael Kerbler diskutieren der Soziologe Hartmut Rosa, die Schriftstellerin Teresa Präauer und der Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler. Hören Sie rein!


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!