Obacht, Kurz-Kritik! - FALTER.maily #308

Armin Thurnher
Versendet am 02.09.2020

manchmal fragt man sich als Publizist, ob man parteiisch agiert oder gar parteilich. Wir Sprachempfindlichen erkennen gleich den Unterschied: parteiisch bedeutet voreingenommen für eine Sache oder Person; parteilich, voreingenommen für eine Partei. Heute stellt sich die Frage auf ganz neue Weise. Kommunikation insgesamt wird durch die Algorithmen der Social-Media-Konzerne in eine Richtung gedreht, die rationalen Versuchen gegenzusteuern Hohn spricht. Verschwörungstheoretikern nach dem Muster des US-amerikanischen, weltweit agierenden Netzwerks QAnon kann man mit Vernunft nicht mehr begegnen. Sie sind weder parteiisch oder parteilich, sie sind einfach der Meinung, eine Verschwörung von Kinderverzahrern, die sich hinter gewissen Pizzerias und den Demokraten verbirgt, ist dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen, und Corona ist eine Geschäftsidee von Bill Gates. Darüber könnte man lachen, hieße nicht der Hero der Verschwörer Donald Trump.

Etwas zugespitzt lässt sich sagen, dorthin kommen wir, wenn wir politische Vernunft dem Wirken der Social Media Konzerne überlassen. In Österreich stellt sich die Sache etwas biederer dar, aber auch wir haben unsere Covidioten. Das desinformative Doppelspiel von Rechtspopulisten und Boulevardmedien hat durch Ibiza einen Dämpfer erlitten; aber die Versuche, Ibiza zu "reparieren", schreiten bei großer medialer Aufmerksamkeit (ist ja ein gutes Geschäft) munter voran.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wenn einer die meisten Medien in einem Land kontrolliert oder gängelt, indem er sie füttert; in mächtige Medien über die Eigentümer direkt hineinregiert; mit einem Wort, wenn einer bestimmen kann, was im Land geredet wird; dazu noch versucht, Stimmen zum Schweigen zu bringen oder, was das Gleiche ist, ihnen das Reden schwer zu machen, indem er ihnen marktübliche Subventionen vorenthält – dann ist es erste Bürgerpflicht, diesen Mann nachhaltig zu kritisieren.

Zumal sich manche Journalisten durch einen selbstverordneten und selbstverliebten Neutralismus aus dem Spiel nehmen. Ihnen ist das Gemeinwohl weniger wichtig als ihr eigenes. Oder sagen wir es freundlicher: sie betrachten es für das Gemeinwohl als unerlässlich, dass ihre Rolle als führende Kritiker nicht dadurch in Zweifel gezogen wird, dass man ihnen Sympathien für eine Partei oder Antipathien gegen ein andere vorwerfen kann. Oder, wie ich es an mir selbst misstrauisch beäuge, permanentes Kanzlernörgeln.

Deswegen neigt unsereiner dazu, fair zu allen zu sein. Was ja prinzipiell in Ordnung ist. Problem: Was, wenn wir mit unserer Fairness den Unfairen freie Bahn schaffen?

Ein kaum lösbares Dilemma. Nur vergleichbar dem der Selbstabschaffung der Demokratie. Analog zur Lösung des Demokratie-Dilemmas im deutschen Grundgesetz würde ich sagen: wenn es um die Substanz geht, ist Neutralismus außer Kraft zu setzen. Ich werde also weiterhin unseren Kanzler Kurz mit Gusto kritisieren.

Ihr Armin Thurnher

Sowohl Julia Carrie Wong im Guardian als auch Meagan Day in Jacobin setzten sich mit der zunehmenden digital angeheizten Sektenförmigkeit der Rechten als weltweitem Phänomen auseinander.

In Ihrem Kommentar im Falter behandelt Barbara Tóth die Willfährigkeit der Medien und die Wandlungsfähigkeit des Kanzlers. In der Werbung hieß es einst: Raider heißt jetzt Twix. Kurz heißt jetzt Anschober. Nicht ganz, aber er imitiert ihn jetzt ohne Skrupel.

In einem schönen Gespräch mit Konzerthaus-Direktor Matthias Naske mach Stefanie Panzenböck Lust auf die kommende Corona-Konzertsaison. Merksatz: "Das Virus ist nicht intelligent". Sprich: Seien wenigstens wir es!

In meiner Seuchenkolumne spare ich aus den oben angegeben Gründen selten mit Kanzlerkritik. Aktuell allerdings habe ich eine Liste mit Grundbüchern publiziert, die Menschen im Journalismus vielleicht gelesen haben sollten. Das Echo ist sehr erfreulich; also werden demnächst weitere Listen folgen. 


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