Petersburger Hängung - FALTER.maily #309

Eva Maria Konzett
Versendet am 03.09.2020

ein Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe hat den russischen Oppositionellen Alexei Navalny vergiftet, davon gehen die Ärzte der renommierten Berliner Charité "zweifelsfrei" aus. Der prominente Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin war am 20. August auf einem Rückflug von Sibirien im Flugzeug zusammengebrochen. "Opfer eines Verbrechens", nannte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Navalny. Wladimir Putin hat in den vergangenen 20 Jahren nicht einmal Nawalnys Namen in den Mund genommen. Nawalny war ihm so nahe gekommen, dass man seine Existenz verleugnet hat.

In Belarus gehen die Massenproteste weiter, zum Geburtstag sangen zehntausende Belarussen ihrem Präsidenten Alexander Lukaschenko ein Geburtstagsständchen: "Uchodi!" (Verschwinde!) klang durch die Straßen von Minsk und anderer Städte. Weitere Industriekombinate, die Säulen des autoritären Regimes, haben die Seiten gewechselt und unterstützen den Protest. Auf Social Media kursieren Handyfilme, wie Spezialeinheiten der OMON-Gardisten Halbwüchsige über Schulhöfe jagen. Ausländische Journalisten verweist Minsk des Landes. Der russische Präsident Putin hat Lukaschenko derweil zum 66. Geburtstag gratuliert und ihn nach Moskau eingeladen. Ein Schritt, der als Unterstützungsgeste gewertet wird.

Das deutsche Handelsblatt berichtet, dass der österreichische Manager Jan Marsalek, flüchtig und verdächtigt beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard 1,9 Milliarden Euro erfunden zu haben, sich auf einem Anwesen in der Nähe von Moskau aufhalten soll. Dort stehe er unter der Aufsicht des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR und soll die Zusicherung erhalten haben, nicht ausgeliefert zu werden. Die SWR-Agenten hätten den Mann aus Minsk geholt, weil es in Russland sicherer für ihn sei. Marsalek war über Estland nach Belarus getürmt, um seiner Verhaftung zu entgehen. In Deutschland hat die Opposition im Bundestag einen Untersuchungsausschuss angestrengt, der klären soll, wie die deutsche Bankenaufsicht Bafin die Wirecard-Scheingewinne all die Jahre übersehen konnte. Marsalek gilt als einer der Drahtzieher der getürkten Wirecard-Geschäfte. Und er gilt als Aufschneider: Im März 2018 hatte er vor Börsentradern in London mit seinem Wissen um die Formel des streng geheimen Nowitschok-Toxikums geprahlt.

Der Kunstbetrieb kennt eine Form der Bildpräsentation, die sogenannte "Petersburger Hängung". Dabei werden die Gemälde dicht an dicht und Rahmen an Rahmen gereiht. Was auf den ersten Blick zufällig erscheint, ergibt so ein weiteres Muster, eine zweite Ebene.

Oder andersrum: Europa, wir haben ein Problem!

Einen fabelhaften Donnerstag wünscht Ihnen

Eva Maria Konzett

Nowitschok heißt auf russisch so viel wie "der Neue". Es handelt sich um eine Gruppe an Nervenkampfstoffen. Sowjetische Wissenschaftern hatten sie geschaffen, um die Chemiewaffenkonvention zu umgehen. Sie produzierten dafür zwei Komponenten, die alleinstehend ungiftig waren und erst durch das Zusammenmischung ihre toxikologische Wirkung entfalten können. Wie aber wirken die Nervenkampfstoffe aus der Nowitschok-Gruppe? Und was hat das mit dem Assad-Regime in Syrien zu tun? Die Kollegen von Zeit Online haben die Antworten.

Im FALTER-Podcast vom Dienstag können Sie außerdem nachhören, wie eng der Kreml in den Giftanschlag auf Nawalny eingebunden gewesen sein dürfte und wie Putins Unterstützung für den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko zu interpretieren ist. Zu hören sind die langjährige ORF-Moskau Korrespondentin Susanne Scholl und der Russlandexperte Gerhard Mangott im Gespräch mit Raimund Löw.

Vor 50 Jahren starb Jochen Rindt. Er hat der darbenden Nachkriegszeit den Geschmack an Glamour beigebracht. Wie, das hat Kollege Lukas Matzinger in dieser hinreißenden Huldigung an Rindt aufgeschrieben: Der Mann auf dem Mond.

Am Montag beginnt im Osten Österreichs wieder die Schule. Dabei gäbe es aus dem letzten Semester noch einiges aufzuarbeiten. Im heute erscheinenden FALTER-Podcast sprechen wir darüber, wie die Corona-Epidemie die Ungleichheiten in der Bildung verstärkt hat und was jetzt getan werden muss. Zu hören sind der Bildungsdirektor Wien Heinrich Himmer, Volksschuldirektor Horst Pintarich (Wien-Favoriten), die Lehrerin Magdalena Zak (Teach for Austria), sowie die FALTER-Kolumnistin und Buchautorin Melisa Erkurt.

Der Falter Verlag verlost aktuell drei Exemplare von "Geheime Pfade" - ein wunderschönes Buch über die verborgenen Ecken, Hinterhöfe und Durchgänge Wiens von Gabriele Hasmann und Charlotte Schwarz. Um zu gewinnen, müssen Sie allerdings erst ein geheimes Wien-Quiz bestehen. Wir wünschen viel Glück!


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