Fairplay - FALTER.maily #311

Stefanie Panzenböck
Versendet am 05.09.2020

wir wollen Eier von glücklichen Hühnern und Kaffee, der von fair bezahlten Bauern produziert wird. Wir wollen Bio-Gurken, Bio-Fleisch, Bio-Heidelbeeren. Wir wollen Pullover, die von volljährigen Arbeiterinnen unter sozial annehmbaren Bedingungen genäht werden. Wir schauen darauf, dass die Umwelt durch die Produkte, die wir kaufen, nicht geschädigt wird und Menschen nicht gepeinigt werden.

Es gibt das AMA-Gütesiegel, diverse Bio-Siegel oder das Fairtrade-Siegel.

Warum gibt es so etwas nicht für die Kunst, ein Fairplay-Siegel zum Beispiel? Warum interessiert uns nicht, wie die Kunst, die wir genießen, die uns provoziert, die uns weiterbringt, hergestellt wird?

Der Falter veröffentlichte vor drei Wochen den Bericht des Schauspielers Manuel Bräuer über seine Probenarbeit mit dem Theatermacher Paulus Manker. Dieser bringt in diesen Wochen Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" in Wien zur Aufführung. Bräuer berichtete von Beschimpfungen, gesundheitlichen Risiken und Mobbing. Andere ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter taten es ihm gleich und erzählten im Falter über Gewalt, Demütigungen, arbeitsrechtlich fragwürdige Verträge und Gagen, die nicht bezahlt wurden. Paulus Manker wies Bräuers Vorwürfe zurück, zu den folgenden bezog er nicht mehr Stellung, sondern bedankte sich beim Falter für den Artikel. Sein Stück sei nun ausverkauft.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit waren, zugegeben, verhalten. Es erreichten uns Leserbriefe, in denen uns vorgeworfen wurde, zur Jagd auf Paulus Manker aufgerufen zu haben, nicht zu verstehen, dass der Schauspielerberuf ein harter sei. Wer dem nicht gewachsen sei, müsse halt die Finger davonlassen. Heinz Sichrovsky, Kulturchef der Zeitschrift News, schrieb in einem Text zu "Die letzten Tage der Menschheit" über "ein großartiges zwanzigköpfiges Ensemble", das "selbstaufopfernd über seine Grenzen geht."

Es handelt sich hierbei um Missverständnisse. Der Falter "jagt" niemanden, er benennt Missstände. Ein harter Beruf schließt physische und psychische Gewalt nicht mit ein. Glaubt man Mankers ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dann sprechen wir hier eher von einem Regisseur, der bisweilen Schauspieler über ihre Grenzen stößt, als von der Entscheidung zur Selbstausbeutung.

Das Märchen von der großen Kunst, die aus Leid entsteht, ist fertig erzählt. Es ist Zeit, sich etwas anderes zu überlegen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Stefanie Panzenböck

Im aktuellen FALTER-Podcast habe ich mit dem Schauspieler Manuel Bräuer und der Schauspielerin Rebecca Döltl über ihre Erfahrungen mit Paulus Manker gesprochen. Was bedeutet es, für Manker zu arbeiten? Braucht Kunst wirklich Ausbeutung, um gut zu sein, und was wären Alternativen zu dieser überholten Erzählung? Es ist ein anregendes Gespräch geworden, hören Sie sich das an!

"Politik, die Angst macht, zeigt Schwäche": Der Intendant des Wiener Konzerthauses, Matthias Naske, hat mit dem Falter über Kunst und Kultur im Corona-Herbst gesprochen. Das Interview können Sie hier nachlesen.

Mein Kollege Matthias Dusini hat das frisch wiedereröffnete Freud Museum besucht. Im aktuellen Falter beschreibt er, warum die Renovierung und Erweiterung in der Berggasse geglückt ist.

Das Attentat auf den russischen Oppositionellen Alexei Nawalny hat die Weltöffentlichkeit erschüttert. Wie geht es nun mit den Beziehungen zu Russland weiter? Der Falter hat mit dem Osteuropa-Experten Wolfang Sporrer über die Rolle Nawalnys in Russland gesprochen, über das Nervengift Nowitschok und warum man Putin lange nicht mehr bei einer österreichischen Brettlnjausn sehen wird.


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