Déjà-vu - FALTER.maily #313

Florian Klenk
Versendet am 08.09.2020

gestern stand ich mit meinen Kindern erstmals in einem AHS-Schulhof und hatte ein Déjà-vu. Ich fühlte mich ins Jahr 1983 zurückversetzt. Damals betrat ich zum ersten Mal ein Gymnasium. Mama und Papa waren stolz, so wie ich heute.

Neben mir saßen damals ein paar meiner alten Volksschul-Kumpel. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, wir kannten einander aus dem Kindergarten, vier Jahre lernten wir in der Volksschule miteinander lesen, schreiben und rechnen. Wir besuchten einander zu Hause, rauften am Schulweg und hatten uns gern. Wir waren alle in etwa gleich begabt, gleich fleissig, gleich faul. Als wir den letzten Schultag in unserer Gesamt-äh-Volksschule feierten, sangen wir "Hejo, spann den Wagen an!", die Frau Lehrerin dirigierte Dreiecke in die Luft und alle heulten. Der Staat hatte unsere liebevolle Gemeinschaft zerrissen. Er teilte uns in Haupt- und AHS-Schüler auf. Ich wusste schon damals nicht, warum.

Sie meinen jetzt vielleicht, die begabteren Kinder seien ins Gymnasium gegangen und die mit den schlechteren Noten in die Hauptschule. Unsinn. Die Kinder jener Eltern, die nicht so betucht waren, heute sagt man dazu verächtlich "bildungsfern", absolvierten die Hauptschule. Sie saßen nun in einer Schule, die weniger Chancen bot.

Die Kinder, die "nach der Schrift geredet" haben und die anderen, die im Dialekt gesprochen hatten, sie bildeten getrennte "Klassen", nicht nur im schulischen Sinn, auch im gesellschaftspolitischen. Diese fruchtbare Gemeinschaft, die durch die Volksschule gebildet wurde, sie war dahin. Am Schulweg giftelten sich Haupt- und Mittelschüler sogar an, wir entfernten uns binnen kürzester Zeit voneinander.

Nein, die Hauptschule im Großraum Wien war damals keine schlechte Schule, aber leider auch keine gute. Und die AHS hätte wohl auch diverser sein können, wenn einige der Arbeiterkinder in meiner Klasse gesessen wären. Viele der Hauptschulklässler haben später erfolgreiche Karrieren hingelegt, als Handwerker, Krankenschwestern oder sogar als Spitzenmanager. Aber das war die Ausnahme.

Diese überkommene Trennung von Kindern im Alter von 10 Jahren habe ich bis heute nicht verstanden. Ich empfinde sie heute noch als ungerechte Zumutung und vor allem Überforderung vieler Eltern. Und sie ist in einer viel diverseren und sozial angespannteren Gesellschaft noch unzumutbarer geworden.

Und so hatte ich gestern dieses Deja-Vu. Meine Kinder haben das Gymnasium betreten, ein fortschrittliche Schule mit guten Förderprogrammen und einer engagierten Direktorin. Fast alle Mitschüler aus der Volksschule sind nun im "Gym". Nur das Flüchtlingskind und das Arbeiterkind aus ihrer Klasse sind in der Hauptschule verblieben. Das Flüchtlingskind hat zwar perfekt Deutsch gelernt, es spricht so gewählt wie wenige "Einheimische". Aber es hat eben nur einen Dreier bekommen, die Grammatik, leider, Sie wissen schon. Die ist nichts fürs Gymnasium.

Es hat sich in 37 Jahren wenig verändert. Das Schulsystem legt das Fundament für die Klassengesellschaft. Und jene Politiker, die dieses System verteidigen, schicken ihre Kinder natürlich ins Gym, damit einmal etwas aus ihnen wird.

Ihr Florian Klenk

Es hat sich natürlich sehr viel geändert im Schulwesen seit den 80er Jahren, vor allem in den Städten. Die Gesellschaft ist diverser geworden, vor allem in Wien, wo viele Kinder keine gemeinsame Volksschulzeit mehr haben, schon alleine deshalb weil deren Eltern erst kurz in Wien leben. Seit mehr als zwei Jahren schreibt unsere Kolumnistin Melisa Erkurt im Falter darüber, wie die Schule mit der diversen Gesellschaft nicht mehr zurecht kommt - zum Schaden von Kindern mit Migrationshintergrund. Erkurts viel gepriesenes Buch "Generation Haram" zeigt, woran das Schulwesen krankt. Islam und Kopftuch sind es ihrer Meinung nach nicht, die Sache ist komplizierter. Erkurts Buch können Sie im Faltershop kaufen.

Ganz was anderes: Gestern ist mir ein schönes Aktenstück auf den Tisch geflogen, ein kleines Stück Medienzeitgeschichte. Es ist ein Protokoll aus einem derzeit anhängigen Prozess zwischen FPÖ-Chef Norbert Hofer und Oe24-Anchorman Wolfgang Fellner.

Hofer hielt seine Aschermittwoch-Rede in der Rieder Jahn-Turnhalle und Fellner kommentierte das auf seine Art. Ob Hofer da in der "Adolf-Hitler-Halle" stünde, scherzte Fellner live auf Sendung.

Hofer fand das nicht so lustig und verklagte Fellner und seinen Sender. In einem Prozess vor dem Handelsgericht Wien musste der Gratisblatt-Herausgeber am 28. August Rede und Antwort stehen. Und so beschrieb er die Linie seiner Sendung "Insider" auf seine Art. Fellner laut Protokoll: "Es handelt sich um ein sogenanntes Meinungsmagazin. Auf Frage, ob es sich somit eher um ein Scherzmagazin handle oder um ein politisches Magazin, wo es um die Fakten gehe: Ich würde sagen, es ist ein freches, lockeres Magazin zu Hintergründen politischer Fakten, es geht aber mehr um Stimmungen bzw. Scherze, wie schon gesagt, handelt es sich um ein Meinungsmagazin. Es handelt sich jedenfalls nicht um ein Magazin mit Fakten, diese Fakten sind in den News. Auf Frage, ob dieses Magazin deshalb auch frech und zugespitzt sei, um eine höhere Einschaltquote zu erzielen, so ist das natürlich der Fall. Deshalb ist auch der Kläger immer ein gern gesehener Gast, weil bei ihm die Quote steigt."

Ich finde, schöner kann man die Lage des österreichischen Fellner-Boulevards kaum zusammenfassen. Wie wohltuend, dass auch die türkis-grüne Regierung diese Scherze mit Millionen fördert.

In Armin Thunhers gestriger Seuchenkolumne ging es um das Wiener Hundekacke-Problem rund um die Jahrtausendwende, politisches Handwerk und um die Liebe in Zeiten der emotionalen Pest. Wie das zusammengeht? Hier können sie es nachlesen, hier Thurnhers Kolumne abonnieren.

Rechtzeitig zum Schulbeginn hat die Corona-Ampel das Licht der Welt erblickt. Dass sich trotzdem niemand auskennt, wie die Ampel funktioniert und was die Farben genau bedeuten, verwundert wahrscheinlich nicht viele. Warum die Corona-Ampel als Zwischending zwischen Müssen und Sollen die perfekte Parabel für die österreichische Seele ist, lesen Sie in Harry Bergmanns Kolumne Loge 17.


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