Gelb ist die Hoffnung - FALTER.maily #316

Klaus Nüchtern
Versendet am 11.09.2020

Anfang dieser Woche wurde bestätigt, was nicht nur Brancheninsider schon längst erwartet hatten: Die Frankfurter Buchmesse wurde abgesagt. Genau genommen wurde sie nicht abgesagt, sondern aus der Kohlenstoffwelt in den virtuellen Raum verlegt, was aber aufs Gleiche hinausläuft – jedenfalls für all jene, für die eine Buchmesse mehr ist als ein Geschäftsabwicklungsmodell. "Bedauerlich, aber unvermeidbar" kommentiert Jessica Beer, die im österreichischen Residenz Verlag das literarische Programm verantwortet, die Entscheidung. Die war freilich längst in der Luft gelegen. Als im Mai "Grünes Licht" für die Buchmesse gegeben wurde, reagierten viele große Verlage sofort mit Absagen und auch das Gastland Kanada verschob seinen Auftritt aufs nächste Jahr.

Die Buchmesse wird heuer quasi im Home-Office-Modus stattfinden: bequem und praktikabel, fad und glamourbefreit. "Es ist wie ein Büro ohne Kaffeeküche", meint Beer, die danach zwar immer "erledigt" ist, aber gerne nach Frankfurt kommt, weil die Messe für alle Aussteller die gleichen Möglichkeiten zur informellen Kommunikation bereitstelle: "Man kann kleckern oder klotzen, aber der Kontext ist für alle gleich." Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels, sieht das genauso: Der Czernin Verlag, den er leitet, konnte sich in Frankfurt immer "auf Augenhöhe mit den großen Verlagen" präsentieren. Was das Buchgeschäft im Corona-Jahr 2020 anbelangt, gibt sich Föger "vorsichtig optimistisch". Sofern die Menschen nicht darauf vergessen, dass man zu Weihnachten Bücher schenken kann, rechnet er allenfalls mit einem "kleinen Minus".

Als regionales Ereignis, dessen Publikum zu 90 Prozent aus Wien kommt, stellen Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen für die Buch Wien keine Problem dar. Die Messe wird – aus heutiger Sicht – vom 11. bis zum 15. November stattfinden: Man setzt auf den Online-Verkauf und einen erstmals eingerichteten Freiluftbereich sowie einen ebendort durchgeführten Check mit Wärmekameras. Alle Besucherinnen werden registriert, Gänge, Bühnen und Kojen den Distanzregeln entsprechend redimensioniert; ein Kamerasystem erfasst das Geschehen in sämtlichen Bereichen der Hallen und meldet die Publikumsfrequenz. Denn die ist, wie Buch-Wien-Geschäftsführer Patrick Zöhrer weiß, der wunde Punkt: Bleibt die Ampel auf Gelb, sollten – Genehmigung durch die entsprechenden Magistratsabteilungen vorausgesetzt – 1.500 bis 3.500 Besucher zeitgleich zu verkraften sein; springt sie indes auf Orange – siehe dazu Stefanie Panzenböcks Artikel im aktuellen Falter – würde die Obergrenze nach dem Stand von heute mit 250 Menschen limitiert und die Buch Wien aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt werden müssen, denn: "Unter 1.500 Besuchern macht das keinen Sinn" (Zöhrer). Mit anderen Worten: Grün ist utopisch, Gelb ist die Hoffnung.

Klaus Nüchtern

In Prä-Pandemie-Zeiten wurde die Buch Wien "zu Spitzenzeiten" von bis zu 5.000 Besucherinnen frequentiert. "Zu Spitzenzeiten" hieß: Es ist Wochenende, und es liest Joachim Meyerhoff. Das wird's heuer nicht spielen. Dabei ist erst gestern "Hamster im hinteren Stromgebiet" erschienen, in dem der Schauspieler/Schriftsteller auf erstaunlich leichtfüßige Art von dem Schlaganfall erzählt, der ihn vor drei Jahren aus der Bahn geworfen hat. Eine Besprechung von Meyerhoffs jüngstem Roman finden Sie in der aktuellen Falter-Ausgabe.

Bereits jetzt steht fest, dass die Leipziger Buchmesse 2021 verschoben wird und zwar von März auf Ende Mai. Das spricht eindeutig dafür, dass man entschlossen ist, die Veranstaltung im Modus klassischer Körperpräsenz durchzuführen: "Let's Stay Physical!" Mit "Physical" läutete Olivia Newton John die neon-bunten Aerobic-Eighties ein. Schlanke drei Jahrzehnte später gab es ein vor Selbstironie sprühendes Reenactment dieses Hits im Duo mit der in jeder Hinsicht großen Jane Lynch, die in der vergnüglichen Highschool-Musical-Serie "Glee" die superfiese Leibeserzieherin Sue Sylvester gibt.

„Let's Get Physical" lautet auch das Motto des notorischen Weiberers Michael James aus der eher halblustigen Filmkomödie "What’s New Pussycat?" (1965). Die Rolle hätte ursprünglich Warren Beatty spielen sollen, wurde aber schlussendlich von Peter O'Toole übernommen. Was sonst noch alles schiefgelaufen ist, verrät Drehbuchautor Woody Allen ins seiner allenfalls halblustigen Autobiografie "Ganz nebenbei". Großartig freilich die Musik von Burt Bacharach. Die Lyrics zu „My Little Red Book" stammen natürlich vom kongenialen Hal David: "I just got out my little red book / The minute that you said good-bye / I thumbed right through my little red book / I wasn't gonna sit and cry / And I went from A to Z / I took out every pretty girl in town…"


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