Rübezahl - FALTER.maily #324

Eva Maria Konzett
Versendet am 21.09.2020

in zart geschwungener blauen Schrift auf blütenweißem Papier steht er vor uns im Regal: Der Wiener Zucker. Ein solches Paket auf der Küchenlad' bedeutete in Kindheitstagen Glückseligkeit. Die Großmutter zuckerte damit das Grießmus, den Kakao, an ganz besonderen Tagen buk sie damit. Und das Kind schleckte eifrig die Schüsseln aus.

Wiener Zucker kommt streng genommen nicht aus Wien, sondern aus Niederösterreich und auch das stimmt nicht ganz. In Tulln und Leopoldsdorf aber stehen die Veredelungsfabriken der Agrana, die die Zuckerrüben österreichischer Bauern verarbeitet, den Zucker raffiniert und dann als Wiener Zucker dem Kunden darbietet.

Wie lange noch? Die Agrana hat in den Raum gestellt, die Produktion in Leopoldsdorf einzumotten. Die österreichischen Bauern bauen nicht mehr genügend Rüben an, die Bänder sind nicht ausgelastet. Es war dann Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, die dem heimischen Zucker zur Hilfe ritt: Am 17. September verkündete sie einen "Pakt zur Rettung des Zuckers", unterschrieben gemeinsam mit Landespolitikern und Bauernvertretern. Landwirte, die Zuckerrüben anbauen, sollen jetzt eine Prämie bekommen, um "die Versorgungssicherheit in Österreich mit Zucker sicherzustellen". Und der Agrana-Standort Leopoldsdorf bleibt.

In Zeiten der Covid-Pandemie scheint es nur gütig, auch auf die Zuckerbauern nicht zu vergessen.

Nur: Die Agrana selbst rechnet für heuer mit einem Umsatz, der das vergangene - covidfreie Jahr - 2019 mit knapp 2,5 Milliarden Euro übersteigt. Und seit man 2017 in der EU die Quotenregelung für die abgeschafft hat, sitzt man in der Union auf einem Zuckerberg, der sich nur langsam abträgt.

Es kennt die Sagenwelt Europas einen Gesellen, der im Mittelgebirge als Berggeist haust. Was ihn ausmacht: Er ist unberechenbar. Den einen hilft er, den anderen verschmäht er: Rübezahl.

Jeder der 150 Leopoldsdorfer Zucker-Arbeitsplätze ist es wert, gerettet zu werden, angesichts der derzeit 404.000 Arbeitslosen, angesichts der persönlichen Schicksale dahinter sowieso. Die hohe Arbeitslosigkeit aber kommt nicht von ungefähr: Die Covid-19-Pandemie peitscht durch den Arbeitsmarkt. Der LKW-Bauer MAN in Steyr streicht 2300 Jobs, Elektromotorhersteller ATB in Spielberg streicht ebenso, die Voest kündigt, und das sind nur die großen. Den Arbeitsmarktgipfel vergangene Woche hatten aber die Arbeiterkammer und der ÖGB einberufen. Nicht nur die ATB-Mitarbeiter fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. In Österreich sitzt Rübezahl nicht immer nur im Berg.

Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenbeginn

Eva Maria Konzett

Ruth Bader Ginsburg, die legendäre US-Richterin am Supreme Court, ist tot. Dieser Nachruf in der New York Times hat mehr als 44.400 Zeichen. Eine der bewegendsten Satzreihen darin: "Ruth Bader attended Cornell on a scholarship. During her freshman year, she met a sophomore, Martin Ginsburg. For the 17-year-old Ruth, the attraction was immediate. 'He was the only boy I ever met who cared that I had a brain,' she said frequently in later years."

Das Interview, das Florian Klenk mit dem Migrationsforscher Gerald Knaus über das humanitäre Desaster von Moria geführt hat, können Sie jetzt auch im FALTER-Podcast nachhören. Neben der Abschreckung an der Grenze sprechen die beiden auch darüber, wie sich Österreichs Regierung und die EU nun verhalten sollen.

"Woher wissen wir, was wir wissen?" Weil die Veranstaltung bei der er sprechen sollte abgesagt wurde, packte Armin Thurnher einige seiner Gedanken zum Erkenntnisgewinn und der Rolle des Journalismus darin in seine Seuchenkolumne. Passend zur aktuellen epidemiologischen Problemlage schreibt er: "In einer Situation, in der es noch keine Gewissheit geben kann, müssen wir die Kraft entwickeln, den Zweifel nicht durch Verzweiflung lösen zu wollen." Armin Thurnhers Kolumne können Sie hier abonnieren.


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