Pest vs. Cholera - FALTER.maily #328

Birgit Wittstock
Versendet am 25.09.2020

als sich die schwedische Schülerin Greta Thunberg im August vor zwei Jahren mit der Aufschrift "Skolstrejk för klimatet" ("Schulstreik für das Klima") vor den Stockholmer Reichstag  setzte, öffnete sie ein Fenster. Als vor einem Jahr beim ersten internationalen Earth Strike landesweit rund 65.000 Leute auf die Straße gingen, um unter anderem für eine Senkung der Kohlenstoffdioxid-Nettoemissionen auf Null bis 2050 zu demonstrieren, stand das Fenster sperrangelweit offen. Als vergangenen Winter der australische Busch in Flammen aufging und Videos brennender Koalas viral gingen, schien klar, dass der Klimawandel das bestimmende Thema der nächsten Jahre sein würde. Dann kam Corona und das Fenster war zu.

Zwar retteten die Grünen das Thema Klima irgendwie in den Wien-Wahlkampf hinüber, aber von radikalen Maßnahmen, wie sie die zehntausenden – vor allem jungen – Demo-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer eingefordert hatten, ist keine Rede mehr. Stattdessen: ein bisschen Bäume pflanzen, ein paar Radwege, ein paar kühle Straßen. Selbst das gilt schon als politisches Wagnis.

Und momentan heißt es sowieso Wirtschaft oder Klima retten. Das gute alte 'Pest oder Cholera'-Spiel. So als würde Corona die Fähigkeit zum Multitasking verschlingen. Wie es aussieht, zieht das Klima wieder einmal den Kürzeren. Derweil wüten sowohl Corona als auch die Folgen des Klimawandels gleichzeitig weiter – siehe die Waldbrände in Kalifornien.

Weil Kalifornien weit weg, der Wienerwald aber heil und uns Corona so nahe ist, versuchen wir derweil die heimischen Lokalbetreiber vor dem drohenden Konkurs und uns selbst vor dem Hüttenkoller zu bewahren, indem wir uns in den nicht mehr ganz so lauen Nächten in beheizten Schanigärten Herz und Hände wärmen. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes verbrauchen 1825 Schanigärten mit je einem Heizstrahler bei fünfstündigem Betrieb 18.200 kWh pro Tag und damit neunmal so viel wie eine durchschnittliche Wiener Wohnung pro Jahr. Sei's drum. Besondere Situationen erfordern nun einmal besondere Maßnahmen. Eingedenk der 3500 Wiener Schanigärten, die heuer in Wien auch über den Winter hindurch betrieben werden dürfen, müssen die Grünen, die einst ein Verbot der Heizgeräte im Freien forderten, eben beide Augen ganz fest zudrücken.

Zur Erinnerung, dass es keiner Entweder-oder-Lösung bedarf, sondern Maßnahmen, die sowohl gegen die Pandemie, als auch gegen den Klimawandel wirken und diese einander nicht ausschließen dürfen, wird heute, ein Jahr nach dem bisher größten globalen Klimastreik, erneut weltweit demonstriert (Infos finden Sie auf hier). Sonst wird es am Ende noch Pest und Cholera.

Einen schönen Freitag wünscht Ihnen

Birgit Wittstock

Eine kleine Erinnerung an das von Klimaprotesten geprägte Jahr 2019 und die Entstehung einer Jugendbewegung, die bald darauf von der Pandemie ausgebremst wurde: Die WDR-Doku "Fridays for Future: Was kann Protest? Wie weit darf er gehen?"

FALTER-Kollege Benedikt Narodoslawsky porträtiert in seinem im März erschienenen Buch die junge Bewegung und ihre Gallionsfigur Greta Thunberg minutiös und illustriert die Brisanz des Klimathemas anhand vieler, knackig aufbereiteter Fakten. Hier können Sie "Inside Fridays for Future" bestellen, hier stellt er das Buch in eigenen Worten vor.

Sind Sie auf Twitter? Mögen Sie sich dort selbst? Die Sozialen Medien verstehen es, uns in eine Spirale von Geltungssucht, Angriffslust und Starrsinn zu verwickeln, die mitunter befremdliche Ausmaße annimmt. "Was Twitter aus einem machen kann" hat FALTER-Herausgeber Armin Thurnher in seiner aktuellen Seuchenkolumne niedergeschrieben. Sie können die Kolumne hier abonnieren.

Seit Juni schreibt Harry Bergmann, der einer der erfolgreichsten Werber der Republik ist, im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne für den FALTER. In seinem neuesten Beitrag beschreibt er, warum Halbwahrheiten in Krisenzeiten schlimmer sind, als Lügen und wie die heimische Politik mit ebensolchen jongliert. Lesen Sie hinein!


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