Unverblümte Frechheit, rüde Worte - FALTER.maily #330

Armin Thurnher
Versendet am 28.09.2020

gestern war im ORF Doppelpressestunde zur Wienwahl, zuerst Gernot Blümel (ÖVP), dann Birgit Hebein (Grüne). Hebein wurde zur schlechteren Sendezeit recht kritisch gefragt, wie es sich gehört, und sie wehrte sich ordentlich. Blümel kam zuerst dran, wurde auf Wohlfühlkissen gebettet und mit Wohlfühlfragen umfächelt.

Das Interview begann mit einer Schmeichelfrage, wie sie kaum einem Sportreporter eingefallen wäre: Herr Finanzminister, "in welcher (Rolle) fühlen Sie sich denn derzeit in Corona-Zeiten wohler?" Und ähnlich wohlig blümelte es dahin. Doch kam der Moment, wo man ihm eine Frage nicht ersparen konnte. Die tapfere Johanna Hager vom Kurier hatte die undankbare Aufgabe, den Eindruck zu verwischen, dass ihr Blatt ruhmreichen mittelbürgerlichen Andenkens längst zu einer Blümelkurzpostille mutiert ist.

Sie überwand sich und sagte: "Es ist durch die sozialen Medien gegangen, der Robert Menasse hat sich zu Ihnen geäußert. Für alle, die nicht in Wien leben, Sie affichieren, es gibt Plakate mit Ihrem Konterfei, da steht, da ist davon die Rede Wien nach vorne zu bringen. Er zeigt da, wenn, ohne, ohne die SPÖ hätte es U-Bahn, UNO-City und Co nicht gegeben. Es waren recht rüde Worte auch. Tut so etwas weh?"

Am liebsten hätte man Blümel da gestreichelt und gesalbt, aber wir waren zu weit weg. Es tut eh nicht weh, erfuhren wir überraschenderweise. Aber er benütze gern die Gelegenheit zu erklären, was er mit "Wien nach vorn bringen" gemeint habe. Obwohl er die Phrase gerade eben völlig erklärungslos gedroschen hatte. Dann merkte ORF-Moderator Hans Bürger doch an, Blümel habe darauf gedrängt, dass Menasses Facebook-Post gelöscht werde. Mitnichten, antwortete dieser. "In jedem, in jedem digitalen Forum gibt es natürlich Diskussionsregeln. Das ist in ORF-Foren genauso wie im Standard-Forum, genauso auch wie in unseren digitalen Foren. Und da haben wir von Anfang an klar gemacht, dass wir auch NS-Gedankengut keinen Raum bieten wollen. Jetzt weiß ich schon, dass der Herr Menasse das nicht so gemeint hat."

Bürger: "Aber er hat Sie nicht mit Hitler verglichen, also."

Blümel: "Ja, es war ein Vergleich mit, mit einer Zeit, die aus meiner Sicht eine, eine, die schlimmste Zeit in der Geschichte Österreichs war und deswegen ist es nach den Foren-Regeln gelöscht worden. Mir ist schon klar, dass er es nicht so gemeint hat, aber ich respektiere auch seine Meinung."

Keine weiteren Fragen.

Menasse hatte geschrieben: "(Blümels Wien-wieder-nach-vorne-bringen-Spruch) bezieht sich offenbar auf die Geschichte der Stadt  – wann war Ihrer Meinung nach Wien 'vorne', und woran müsse man nun 'wieder' anschließen? Meinen Sie Zeit VOR dem roten Wien, als die Stadt einen antisemitischen Bürgermeister hatte, von dem Hitler lernte? Können Sie sich bitte konkret ausdrücken?" Das spielte natürlich auf Karl Lueger an, den christlich-sozialen antisemitischen Wiener Bürgermeister (1844-1910). Die schlimmste Zeit in der Geschichte Wiens, 1897-1910?

Blümels Diskurstrick stammt direkt aus der Kiste der FPÖ. Als der Abgeordnete Rudolf Edlinger (SPÖ) einst empört über eine nazifreundliche Kundgebung der FPÖ-Fraktion im Parlament höhnisch "Heil Hitler!" entgegenrief, warf die ihm Wiederbetätigung vor. Die gute alte Täter-Opfer-Umkehr. Woanders wird man mit Tricks aus dieser Kiste untragbar, außer man ist Präsident der USA. Blümel fiele kein Silberstein aus der Krone, würde er sich bei Robert Menasse für die freche Unverschämtheit entschuldigen, ihn mit Wiederbetätigung in Verbindung gebracht zu haben.

Er wird es nicht tun. Keine Fehler zugeben! Das gehört zum Geschäft. Vielleicht machte Blümel absichtlich den geschichtsvergessenen Lümmel und freut sich, dass er reichlich Echo wie dieses hier erntet.

Machen wir uns nichts vor. Wir haben jene Politiker, die wir wählen. Am 11. Oktober kommt in Wien wieder eine Gelegenheit dazu. Habe Sie trotzdem eine schöne Woche,

Armin Thurnher

Gustav Horn ist Professor an der Universität Duisburg-Essen und langjähriger Direktor des Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Der engagierte Sozialdemokrat ist Mitglied des Parteivorstandes der SPD. Im Gespräch mit dem Journalisten Robert Misik im Bruno Kreisky Forum in Wien stellt Horn den politischen Aufstieg des Rechtspopulismus in einen direkten Zusammenhang mit den durch die neoliberale Wirtschaftspolitik verursachten Ängsten vor dem sozialen Abstieg in weiten Teilen der Bevölkerung. 

Auch der Falter macht natürlich Podcasts zur Wienwahl. Nina Horaczek fasst diesmal das Beste aus dem Gespräch mit Neos-Spitzenkandidaten Christoph Wiederkehr zum Nachlesen zusammen. Spart Zeit, schafft Überblick.

Meine Seuchenkolumne mischt Kochrezepte, Literarisches und Musikalisches unter Politik und Polemik. Sie wird aber nicht zuletzt der Informationen des Virologen Robert Zangerle wegen geschätzt, der einmal pro Woche unaufgeregt und fachlich kompetent aktuelles Wissen über die Corona-Pandemie bringt. Hier können Sie die Kolumne kostenlos beziehen. Sie kommt dann täglich in ihre Mailbox.


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