Zum Beispiel Kirchstetten - FALTER.maily #332

Florian Klenk
Versendet am 30.09.2020

vergangenen Mittwoch bin ich frühmorgens nach St. Pölten gefahren, um einem ungewöhnlichen Schöffenprozess beizuwohnen. Ich habe erwartet, dass der Saal bummvoll mit Medienleuten sein würde, denn die Gerichtsverhandlung betraf einen ganz wichtigen gesellschaftspolitischen Bereich: die Pflege in einem der angeblich besten Heime des Landes, dem Clementinum in Kirchstetten, betrieben vom Haus der Barmherzigkeit.

Zwischen März und Oktober 2016, also fast acht Monate lang, sollen drei Pflegehelferinnen und ein Pfleger ein Dutzend Heimbewohnerinnen und Bewohner sadistisch gequält und sexuell missbraucht haben. Zwei Pflegerinnen, die den Misshandlungen nicht länger zusehen wollten, erstatteten Anzeige, dann packten auch Putzfrauen und andere Pfleger aus. Die Vorgeschichte dieses Prozesses habe ich vor drei Jahren hier aufgeschrieben.

Ich dachte also, die Besuchergalerie im Großen Schwurgerichtssaal werde an diesem zweiten Prozesstag gesteckt voll sein. Doch dem war nicht so. Nur Journalistinnen von NÖN, Heute und der Bezirkszeitung waren anwesend, sowie ein Redakteur der APA. Aber sonst: nichts. Kein Fernsehen, kein Radio, kein überregionales Tagesmedium.

Ich war verwundert, denn was die Staatsanwaltschaft da in den letzten drei Jahren zusammengetragen hatte, das las sich wie der Bericht aus einem fernen Foltergefängnis. Alte, demente Männer und Frauen seien nicht nur geschlagen worden, sondern die Pfleger hätten ihnen Kot in Gesicht und Mund geschmiert, ihre Genitalien mit Alkohol eingerieben und sie missbraucht. Fiebernde Heimbewohner seien abgedeckt vors offene Fenster gelegt worden. In Chatgruppen hätten sich die Angeklagten dann in unerträglichen Nachrichten über die "verschissenen Huren" unterhalten, ihnen den baldigen Tod gewünscht und sie mit Medikamenten schon Nachmittags ruhig gestellt. Ich habe mich durch die Chats gelesen und es kaum ausgehalten.

Ich konnte nach dem zweiten Prozesstag mit den vier Angeklagten vor dem Gericht sprechen. Sie standen vor dem Gericht und rauchten eine, ich sprach sie an. Ich klickte mich auch durch ihre Facebook-Profile.

Es sind ganz normale Menschen, lebenslustige Leute aus der Region St. Pölten. Sie posieren mit Kindern und ihren Haustieren oder amüsieren sich auf Partys. Es sei alles nur eine Intrige, eine Verschwörung und die Wahrheit komme ans Licht, versicherten sie mir. Aber die Belastungszeuginnen bleiben dabei: die vier seien regelrechte Sadisten gewesen.

Es stellen sich nach dem Besuch des Prozesses Fragen: Warum konnten diese Beschuldigten sieben Monate lang unbemerkt schalten und walten? Wieso konnte einer der Beschuldigten sogar Qualitätsmanager werden, obwohl er schon Jahre zuvor nächtens gegen die auf den Gang gerollten Betten alter Frauen trat, um sie zu wecken - weil sie ihn zu wecken gewagt hatten? So steht es in seinem Akt. Wieso wurde den vier angeklagten PflegerInnen von der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten nicht sofort die Lizenz zum Pflegen suspendiert, was dazu führte, dass sie in Wien weiter arbeiteten?

Und vor allem: Wieso führt dieser Vorfall nicht zu einer breiten gesellschaftspolitischen Debatte und einer öffentlichen Entschuldigung des Hauses der Barmherzigkeit? Das war nicht irgendein verkommenes Heim, sondern ein Vorzeigeheim, betrieben von einer kirchlichen Einrichtung.

Diese Fragen wird der Prozess nicht beantworten. Dort geht es nur um die Schuld der Angeklagten. Die Verantwortung des Landes Niederösterreich und des Hauses der Barmherzigkeit kommt hier nicht zur Sprache. Dabei wäre das so wichtig. Denn die Angeklagten sind, wenn man mit ihnen spricht, biedere und normale Menschen, sie könnten meine Nachbarn sein, ihre mutmaßlichen Opfer meine Eltern. Vermutlich sind sie bei der ihnen übertragenen großen Aufgabe komplett verroht. Meine Gerichtsreportage lesen Sie hier.

Bleiben Sie gesund,

Florian Klenk

Wie geht es Wien? Nicht so gut. Das Contact-Tracing und Testing funktioniert noch immer nicht, wie uns Leserinnen und Leser immer wieder berichten. Meine Kollegin Eva Konzett hat daher den Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker und Gesundheitsminister Rudolf Anschober zu einem Gespräch gebeten. Das Duell der beiden Corona-Sheriffs ist überaus lesenswert. Beide versichern: Es wird keinen zweiten Lockdown geben.

Gestern hatten wir Redaktionssitzung. Eine Kollegin sah besonders überarbeitet aus: Barbara Tóth. Meine Kollegin leitet nicht nur das Medienressort und hat für die aktuelle Ausgabe ein sehr lesenswertes Porträt über die Jugendjahre von Michael Ludwig geschrieben, sie interviewte auch noch die Philosophin Lisa Herzog, die auf Einladung von Falter und AK Wien beim Wiener Stadtgespräch mit Tóth über die neue digitale Arbeitswelt sprechen wird.

Weil zwei Texte immer noch nicht genug sind, stellte sich Tóth außerdem die Frage, wieso Talkshows in Österreich oft so langweilig oder gar sinnlos geworden sind. Die Antwort finden sie hier. Und nebenbei betreut die promovierte Historikerin auch noch die politische Buchseite und den Falter Think-Tank. Dort motiviert sie junge WissenschafterInnen ihre Thesen verständlich zu publizieren. Lesen Sie rein!

Auch Anna Goldenberg sah gestern bei der Redaktionskonferenz müde aus. Gemeinsam mit Birgit Wittstock, Nathalie Großschädl, Florian Holzer, Tom Rottenberg, Sandro Nicolussi und Werner Meisinger wuchtete sie einen Uni-Schwerpunkt ins Blatt. Die Unis haben sich durch Corona ja massiv verändert. Wie werden Vorlesungen künftig aussehen? Und was müssen Studierende wissen, wenn sie nach Wien ziehen? Das alles lesen Sie in unserer aktuellen Coverstory.

Wird es bald eine Impfung gegen Covid geben? Ja, sagt Florian Krammer in diesem wissenschaftlichen Aufsatz in der Fachzeitschrift Nature. Sehr lesenswert.

Vergangene Woche habe ich im Falter einen Kommentar zur Beobachtungsstelle für den politischen Islam geschrieben. Darin schrieb ich, dort würden zwar "einige renommierte Leute tagen (der Imam Mouhanad Khorchide, der Extremismusforscher Lorenzo Vidino oder die Ethnologin Susanne Schröter), aber keine Experten, die zum politischen Islam publiziert haben - etwa Thomas Schmidinger, Nico Prucha oder Rüdiger Lohlker". Der Satz ist inhaltlich falsch und einem Redigier-Versehen meinerseits geschuldet. Die Genannten haben zum politischen Islam geforscht. Sorry.


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