Das Pony auf der 6er Stiege - FALTER.maily #334

Eva Maria Konzett
Versendet am 02.10.2020

ein Hund jault auf und damit das Herz des Mietervertreters. Ansonsten bringt Kurt Schuh nichts aus der Fassung. Wie soll es auch. Schuh hat alles gesehen. Seit immer schon lebt der Mann in der Rennbahnwegsiedlung, Wien Donaustadt. Er ist die Stimme von 7000 Bewohnern. Der Boulevard nennt die Siedlung "Bauchstichgegend". Die Mieter und Mieterinnen hier nennen es wahlweise "Paradies" oder "Hölle". 

Im Ka-Ro, dem ehemaligen Café Plauscherl, schwelgen sie in Erinnerungen. An die Zeit, als neben den Baukränen in den 1970er Jahren der Mais wuchs, an die Tage, als die Erste Bank noch eine Filiale hier betrieb. Es sind Familiengeschichten, die sie erzählen. Die Großmutter lebt seit 45 Jahren hier, die Tochter jetzt auf der 35er Stiege. Die Enkeltochter will weg. Aber schön war es schon, Räuber und Gendarm zu spielen zwischen Muhr-Brunnen und Sträuchern. Aber Graz wäre auch eine Option.

Sie liebt die Berge. In der Rennbahnwegsiedlung steht nur der Rodelhügel.

Einmal soll hier das Pony gegangen sein, das auf der 6er-Stiege wohnte. Auf dem Balkon. Ecke Falcogasse und Drahdiwaberlgasse reden jetzt drei Mädels über schicke Masken.

Die Wien-Wahl am 11. Oktober wird auch in den Großsiedlungen der 1970er entschieden werden. Rennbahnweg, Großfeldsiedlung, Schöpfwerk. Niemals Pariser Banlieu. Kaum Berlin-Marzahn. Vielleicht Wien von seiner ehrlichen Seite. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Ihre Eva Maria Konzett

Die Gemeindebauten sind das Herzstück der Wiener Sozialdemokratie. So wie das Streben nach sozialem Aufstieg und einem möglichst guten Lebens für möglichst viele. Die Karriere des Wiener Bürgermeisters, Michael Ludwig, folgte diesem sozialdemokratischen Lebenstraum. Seinen Weg vom Fabriksarbeiterkind zum Bürgermeister, zeichnet Barbara Tóth im aktuellen Falter nach.

Im FALTER-Buchpodcast spricht Moderatorin Petra Hartlieb mit dem Schriftsteller und Journalisten Andreas Schäfer. Sein neues Buch "Das Gartenzimmer" ist die faszinierende Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner zwischen 1909 und 2011. Im Gespräch geht es um die Macht und Faszination von Architektur und darüber, wie man von einem Haus und seiner Geschichte besessen sein kann. Hören Sie rein!

Gestern baten wir Sie an dieser Stelle, uns bei der Suche nach der schmerzlich vermissten Falter-Ausgabe 05/19 zu helfen. Zahlreiche Leserinnen und Leser mit Sammlerherz meldeten sich bei uns und waren bereit, ihre altes Exemplare gegen ein noch älteres, nämlich jenes des Ersterscheinungsjahres 1977, einzutauschen. Wir danken Ihnen für die Mithilfe und sind gerührt ob Ihrer Sammelfreude!


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!