Rot-Pink? - FALTER.maily #338

Florian Klenk
Versendet am 07.10.2020

der Wien-Wahlkampf geht zu Ende. Er war ein leichtes Spiel für Michael Ludwig, trotz des Chaos rund um das Testing und Tracing. Die Stadt Wien hat das Ansteigen der Infektionskurve unterschätzt, zum Leidwesen vieler.

Die Opposition, aber auch die Grünen haben es Ludwig leicht gemacht. Strache entpuppte sich als korrupter Pausenclown, Nepp als aggressiver Nachfolger ohne Charisma. Überrascht hat auch Finanzminister Gernot Blümel, der mit seinem rechtspopulistischen Wahlkampf die eigene Intelligenz beleidigt hat. Anstatt sein Amt und seinen Intellekt auszuspielen, der Mann ist Philosoph, setzte er - wie sein 9 Prozent-Vorgänger Manfred Juraczka - auf freiheitlichen Schmonzes. Er wird wohl zulegen, aber die erhofften 25 Prozent werden es nicht.

Die Grünen? Sie haben angesichts der Tatsache, dass Wien die größte Wirtschaftskrise seit 1945 bevorsteht, zwar viel über wichtige kühle Gassen und Pop-Up-Radwege gesprochen, aber wenig über Wirtschaftshilfe. Eine Millionenstadt kann man in manchen Grätzeln zum begrünten Dorf machen, aber angesichts der drohenden Mega-Pleitewelle braucht es doch auch ein Denken in größeren Linien. Werner Kogler, der studierte Volkswirt, war auch kaum zu hören und wenn dann in seiner mittlerweile legendären Sprache, "Koglerisch". Er braucht endlich einen Redenschreiber, denn er spricht nun als Vizekanzler zu Menschen, die gerade ihre Existenz verlieren und nicht als "der Werner" zur jubelnden Basis am Bundeskongress.

Und die Neos? Sie sind die Überraschung dieses Wahlkampfes. Christoph Wiederkehr hat einen soliden, witzigen und intelligenten Wahlkampf hingelegt, während Stephanie Krisper mit der SPÖ im Parlament die Sobotka-ÖVP aufreibt.

Ein ketzerischer Gedanke sei mir gestattet: Wäre es für die Stadt nicht auch eine Perspektive, wenn Ludwig (sofern er nicht die Absolute erringt) diesmal mit den Pinken verhandelt? Rot-Grün hat in den letzten Jahren erstaunlich wenig Vision gezeigt, sieht man von ein paar Fußgängerzonen ab. Ja, einiges spricht dagegen: der zynisch wirkende Sozialsprecher Gerald Loacker oder ein paar Junos-Schnösel, die von einem vermieterfreundlichen Mietrecht träumen. Aber das ist eben nur ein Teil der Neos.

Sepp Schellhorn etwa, Unternehmer, Hotelier und Kammerschreck, wäre in Zeiten wie diesen ein durchaus beschlagener Stadtrat und Vizebürgermeister. Auch in Sachen Kindergarten- und Schulreform (und die tut in Wien wirklich Not) wirken die Neos derzeit erfrischender als die rotgrüne Linke.

Ludwig könnte der blau gewordenen ÖVP zudem signalisieren, dass es eine bessere, modernere und antirassistische bürgerliche Kraft in dieser Stadt gibt, als die von Phrasen ausgehöhlte Kurz-Truppe. So wie einst Häupl die Grünen salonfähig machte, so könnte Ludwig auch die Neos als Partner aufbauen. Besser als die Phantasie der bequemen Rot-Schwarzen Koalition, die Ludwig nachgesagt wird, ist das allemal. Und die Grünen? Sie könnten sich in Wien als starke Kontrollmacht neu erfinden und die Öffentlichkeit über die Schattenseiten des Roten Wien informieren. Das haben sie ein bisschen verlernt.

Eine schöne Woche wünscht,

Florian Klenk

Wie funktioniert das Rote Wien eigentlich dort, wo man es braucht? In den inneren Bezirken kennen wir es ja, da wurde die Stadt zum Dorf gemacht. Aber draußen, bei den Plattenbauten? Wie trifft die Menschen die Covid-Krise dort? Wie funktionieren am Stadtrand Schulen und Jugendzentren? Eva Konzett und Lukas Matzinger haben sich am Donaustädter Rennbahnweg umgehört, ihre Reportage lesen Sie hier.

Am Wochenende habe ich mich durch einen Berg an Akten gewühlt. Etwa den Bericht über das Sponsoring des Alois Mock-Instituts durch den Glücksspielkonzern Novomatic und den "Masterplan Novomatic", in dem schon 2005 festgehalten wurde, wie politische Entscheidungsträger angefüttert werden sollen. Ich habe rekonstruiert, wie die Novomatic Politiker, aber auch Medien mit viel Geld bespielt. Herausgekommen ist ein Überblickstext für jene, die die Übersicht verloren haben.

Ist Ihnen etwas aufgefallen? Während andere Redaktionen in Covid-Zeiten ihre Belegschaft in Kurzarbeit schickten, haben wir eines unserer wichtigsten Produkte veredelt – die FALTER:Woche.

Jede Woche listen wir in der bewährten Programmbeilage tausende Events auf, die die Redaktion rezensiert. Lange Zeit funktionierte das Heft wie ein Telefonbuch des Kulturgeschehens.

Doch seit einigen Wochen bieten wir Mehr. Die FALTER:Woche enthält nun auch Reportagen, Porträts und Interviews mit Kulturschaffenden, die in Österreich auftreten. Lisa Kiss, Gerald Stöger, Barbara Fuchs und viele andere haben an der Reform des Heftes mitgewirkt. Im "Leuchtkasten" bieten wir nun wöchentlich einen Fotoessay unserer FotografInnen Heribert Corn, Christopher Mavric oder Katharina Gossow. Legen Sie das Heft nicht zur Seite, sondern schauen Sie rein. Diese Woche etwa hat unser Autor Klaus Nüchtern ein wunderschönes Gespräch mit dem bayrischen Kabarettisten Gerhard Polt geführt.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe 6 Monate FALTER um 3,20 € pro Woche
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!