Bam, Oida! - FALTER.maily #340

Birgit Wittstock
Versendet am 09.10.2020

die Gegend rund um die Mariahilfer Straße ist nicht nur längst das inoffizielle Zentrum der Stadt, Neubau und Mariahilf sind auch Wiens Vorreiter in Sachen Verkehrsberuhigung und Umgestaltung des öffentlichen Raums. Nirgendwo sonst in der Stadt werden bestehende gewachsene Viertel so konsequent nach den Bedürfnissen der Fussgänger und der Wohnbevölkerung umgebaut und das Auto sukzessive verdrängt.

Erst vergangenen November wurde die Begegnungszone in der Otto-Bauer-Gasse in Mariahilf eröffnet, Anfang September die in der Neubaugasse auf der anderen Seite der Mahü fertig – die geplanten 29 neuen Bäume sollen noch im Laufe dieses Monats gepflanzt werden. Und schon gibt Neubau den nächsten Schritt bekannt: In der Zollergasse, zwischen Mariahilfer Straße und Lindengasse, soll ab nächstem Frühjahr eine Begegnungs- und Fußgängerzone entstehen. 33 Parkplätze werden wegfallen, acht Bäume dazu kommen – in der Mitte der Straße.

Das ist eine Besonderheit, die in der Stadt Schule machen könnte – zumindest, wenn die Grünen nach der Wahl am kommenden Sonntag Teil der Stadtregierung bleiben. Denn sie haben für die nächste Legislaturperiode die Pflanzung von 100.000 neuen Bäumen versprochen. Das macht 20.000 pro Jahr. Ein ambitionierter Plan, dessen Umsetzung schwierig werden wird. Jedenfalls, wenn auch jene innerstädtischen Grätzel begrünt werden sollen, die es dringend notwendig haben und man nicht einfach nur tausende Jungbäume auf Freiflächen an der Peripherie, in Parks oder in Stadterweiterungsgebiete stellt, damit am Ende die Rechnung aufgeht.

Der Stadtbaum ist nämlich eine Wissenschaft, die jede Stadt vor ihre eigenen Probleme stellt: Arten, die beispielsweise auf den sandigen Böden von Hamburg und Berlin prächtig gedeihen, wachsen im schotter- und lehmhaltigen Erdreich Wiens nicht, andere mögen wiederum den hohen Kalkgehalt des hiesigen Wassers nicht.

Das größte, weil teuerste Problem ist jedoch der Platzmangel auf und unter Wiens Straßen. Denn die sind – verglichen mit den Boulevards von Paris, Berlin oder Bukarest – nicht nur relativ schmal, was den Kronen wenig Raum lässt; vor allem aber ist es unter der Erde verdammt eng: hier machen sich die sogenannten Einbauten breit, also Leitungen, Kabelstränge und Rohre. Eine Wiener Besonderheit ist, dass die Einbauten nicht, wie in anderen europäischen Städten üblich in der Straßenmitte, sondern an den Rändern verlaufen. So soll der Autoverkehr auch bei Reparaturen nicht behindert werden. Dafür behindern die Einbauten das Pflanzen von Bäumen, denn die benötigen mindestens neun Quadratmeter Erdreich, um zu wurzeln.

Will man am Straßenrand einen Baum pflanzen, muss man also meist erst die Einbauten verlegen. Dadurch kann die Herstellung einer einzigen Baumscheibe, also eines Platzes für einen Stadtbaum, bis zu 30.000 Euro kosten (zum Vergleich: eine Pflanzung auf Grünflächen kommt lediglich auf 1200 bis 1700 Euro). Kosten, die sich vor allem einkommensschwache Bezirke mit geringem Grünraumanteil wie Rudolfsheim-Fünfhaus, Magareten oder Brigittenau kaum leisten können, obwohl gerade sie die Abkühlung am dringendsten notwendig hätten.

Das Pflanzen von Bäumen in der Straßenmitte, wie es nun in der Zollergasse geplant ist, würde also gleich mehrere Probleme auf einen Streich lösen: man würde sich den Kampf mit den Einbauten ersparen, die Bäume könnten sich ordentlich entfalten, die Kosten wären vergleichsweise überschaubar und die Straße verkehrsberuhigt. Fast schon ein Geniestreich.

Einen feinen Freitag wünscht Ihnen

Birgit Wittstock

Im Sommer 2018 haben wir acht Wochen lang besondere Bäume in Wien besucht. Den Auftakt der Serie, sowie die einzelnen Folgen können Sie hier nachlesen: Giganten, Amadeus, Totenwächter, Glücksbringer, Zeitkapsel, Apostel, Kümmerling und Superhelden.

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