Finale im US-Wahlkampf - FALTER.maily #345

Raimund Löw
Versendet am 15.10.2020

die Wienwahl war relativ rasch durch, jetzt hat mich Amerika wieder ganz.

Wenn man wissen will, wie es um die amerikanischen Präsidentschaftswahlen wirklich steht, muss man sich die Reiseroute der Kandidaten in den letzten drei Wochen ansehen, hat mir ein erfahrender Journalistenkollege in Washington einmal erzählt. Die Umfragetrends sind zu diesem Zeitpunkt nur mehr in der Handvoll Bundesstaaten relevant, auf die es am Wahltag ankommt. Macht ein Kandidat im Finish noch immer persönlich in Bundesstaaten Wahlkampf, die er eigentlich sicher in der Tasche haben müsste, dann geht es der Kampagne schlecht. Wagt sich jemand in "feindliches" Territorium, das die letzten Male das gegnerische Lager gewählt hat, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Wahlkampfmanager optimistisch sind. Irrtümer sind natürlich immer möglich.

Trump fährt nach seiner Corona-Genesung diese Woche gleich drei Mal nach Florida. Das ist ungewöhnlich. Florida nennt er seinen Heimatstaat, weil er in Mar-a-Lago einen Golfclub besitzt. Die Latinos sind gespalten, weil viele kubanische Familien stramme Rechte sind und republikanisch wählen. Aber die zahlreichen Pensionisten, die es aus New York oder Chicago in den warmen Süden zieht, sind von Trumps erratischer Covid 19-Haltung verstört. Ohne die Senioren kann er Florida nicht gewinnen und ohne Florida nicht die zweite Amtszeit. Auch die anderen Swing States, die er diese Woche besucht, hat er 2016 gewonnen: darunter Ohio, Pennsylvania und Wisconsin.

Biden reist ebenfalls nach Ohio, was erstaunlich ist. Ohio ist eine Art Amerika im Kleinen. Es gibt ultrakonservative Regionen, in denen Gewehre im Pick Up-Truck der weißen Farmer das normalste der Welt sind, direkt neben Großstädten wie Cleveland und Cincinnati mit militanten Black Power Traditionen. Der republikanische Gouverneur Mike DeWine unternimmt alles, um es den Minderheiten schwer zu machen, zur Wahl zu gehen. Aber der langjährige frühere Gouverneur Kasich ist einer der wenigen Republikaner, die sich gegen Trump wenden. Offenbar wittern die Demokraten Chancen.

Verstörend sind die soliden 40 Prozent der Amerikaner, die Trump unerschütterlich die Treue halten. Auch die menschenverachtenden Ausfälle gegen die Konkurrenten und die grotesken Szenen rund um seine Covid-19 Infektion konnten dem Zuspruch dieser Fangemeinde nichts anhaben. Das FBI hat letzte Woche eine rechtsradikale Terrorgruppe namens Wolverine Watchmen Militia aufgedeckt, die einen Umsturz in Michigan und die Entführung der demokratischen Gouverneurin geplant hatte. Die Terroristen kommen aus dem Milieu der sogenannten Milizen, die im Frühjahr schwer bewaffnet in das Kapitol in der Hauptstadt Lansing eingedrungen sind, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Rechtsradikale Milizen hat es im Midwest und im Westen der USA immer schon gegeben. In Oklahoma City hat ein Anschlag auf das Amtsgebäude 1995 168 Tote gefordert. Durch Trump im Weißen Haus fühlen sie sich diese Gruppen ermutigt.

Die Chancen, dass Trump abgewählt wird, stehen nach allen Daten, die wir haben, gut. Die Destabilisierung Amerikas mit alle ihren Gefahren wird aber nicht so rasch verschwinden, egal wie sich die Lage nach dem 3. November entwickelt, meint

Raimund Löw

Die Umfragen in acht Swing States fasst der Guardian zusammen. Nur in Ohio und Iowa liegt Trump vorne, in Florida und Pennsylvania ist Biden im Vorteil. Allerdings: die Umfragen 2016 haben die Trump-Stimmen stark unterschätzt.

Im Schatten des Wahlkampfes läuft im amerikanischen Senat das Hearing für die zukünftige neue Höchstrichterin Amy Coney Barrett. Bestätigt die republikanische Mehrheit im Senat die von Trump ausgewählte ultrakonservative Richterin, wird der Supreme Court sechs konservative und drei linksliberale Mitglieder haben. Dementsprechend scharf verläuft die Anhörung in Washington. Der Podcast der New York Times zeichnet die Befragung nach.

"US Elections 2020. A Fateful Decision for the US, Europe and the World?" Unter diesem Titel darf Ihr Maily-Schreiber kommenden Sonntag, 18.10.2020 im Burgtheater mit spannenden Gesprächspartnern diskutieren. Mit dabei sind Steven Erlanger (Chief Diplomatic Correspondent Europe, The New York Times), Eva Nowotny (Diplomatin, ehemalige österreichische Botschafterin in den USA) und Timothy Snyder (Historiker an der Universität Yale) unter der Leitung von Ivan Vejvoda (IWM Permanent Fellow) – Details und die Anmeldung finden Sie hier.

Das rechtsextreme Debakel. Über Rotpink, Rotgrün und sonstige Optionen für Wien und Österreich spreche ich im Falter Podcast mit den Journalistinnen Ulrike Weiser (Die Presse), Eva Linsinger (Profil), Nina Horaczek (Falter) und dem Politologen Anton Pelinka (Universität Innsbruck).

Diesmal spricht Moderatorin Petra Hartlieb mit der Autorin Gabriele Kögl über deren Roman "Gipskind", erschienen im Picus Verlag. Der jüngste Roman der Steirerin handelt von einem Kind, das nicht in das Leben passt, in das es hineingeboren wurde. Ein Buch im Geiste von Didier Eribon und Annie Ernaux über ein Mädchen, das sich aus seinen sozialen Verhältnissen emanzipiert und sein Leben selbst in die Hand nimmt. Hören Sie rein!


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