Endlich Viennale! - FALTER.maily #347

Michael Omasta
Versendet am 17.10.2020

heute Vormittag, Schlag zehn Uhr, beginnt der Vorverkauf. Die Viennale, Wiens Internationales Filmfestival, findet statt. Das ist heuer nicht annähernd so selbstverständlich wie bei den 57 Viennalen vorher. Und auch für die Wiener Kinos war das noch nie so wichtig wie in diesem Jahr.

Weltweit gibt es mittlerweile über 8.000 Filmfestivals. Die meisten in diesem Frühjahr und Sommer wurden abgesagt: nicht nur Cannes, sondern bei uns etwa die Diagonale in Graz und Crossing Europe in Linz. Viele der Festivals, die im Herbst an den Start gehen, finden zum Teil oder auch zur Gänze nur im Netz statt. An diesem Kreislaufzusammenbruch – nicht grundlos heißt es Festival-Circuit und spricht man heute eher von Zirkulation als von Distribution – werden Kinos, Verleiher, Produzenten und auch das Publikum vermutlich noch länger zu laborieren haben.

Die Viennale wird von 22. Oktober bis 1. November als Präsenzfestival stattfinden. Anders hätte sie kaum noch kulturpolitische Legitimation. Zu den fünf traditionellen Spielstätten – Gartenbaukino, Urania, Stadtkino im Künstlerhaus, Metro Kinokulturhaus, Österreichisches Filmmuseum – kommen heuer fünf weitere dazu: Admiral Kino, Filmcasino, Votivkino, Le Studio (vormals Studio Molière) und das Blickle Kino im Belvedere 21.

Mit diesem "Viennale-Circuit" breitet sich das Festival über die halbe Stadt aus. Das ist äußerst einladend, mit dem spontanen Kinogehen freilich wird es dennoch schwieriger. Es gibt behördliche Vorgaben, die beachtet werden müssen: so gibt es beispielsweise keine freie Platzwahl mehr und auch keinen Einlass nach Vorstellungsbeginn. Auf einen sozialen Treffpunkt, das Festivalzentrum, muss ganz verzichtet werden.

Und, werden Sie jetzt mit Erich Kästner fragen: "Wo bleibt das Postitive?" Nun, dort wo es bei einem Festival zuallererst hingehört, nämlich auf der Leinwand. Denn die Bandbreite dessen, was auch eine um drei Tage verkürzte Ausgabe der Viennale bietet, ist immer noch beeindruckend. Das heimische Filmschaffen ist präsenter als je zuvor, das Programm aber tatsächlich international; die "Frauenquote" wurde massiv erhöht und die Perspektive auf die Filmgeschichte extrem vielfältig gestaltet. (Allein die Retrospektive, die sich unter dem Titel "Recycled Cinema" der Arbeit mit Found Footage, also bereits existierenden Filmen annimmt, zählt über 140 Titel.)

Dass der „"rote Teppich" bei der Viennale traditionell eine verhältnismäßig unauffällige Rolle spielt, gehört zu ihren größten Tugenden. An internationalen Gästen hat es selten gemangelt, und selbst in diesem schwierigen Jahr haben sich mit Radu Jude, Jasmina Žbanić, Abel Ferrara, Želimir Žilnik, Fiona Tan und Gianfranco Rosi eine ganze Reihe vielfach ausgezeichneter Künstler und Künstlerinnen angesagt.

Empfehlungen, was Sie sich anschauen sollen, kriegen Sie hier leider keine. Dafür darf ich Ihnen an dieser Stelle unsere kleine Beilage zur Viennale ans Herz legen, die Sie diese Woche mit dem aktuellen Falter schon bekommen haben und hier online lesen können.

Oder sonst warten Sie auf unseren nächsten Kino-Newsletter, der wie immer am Freitag Nachmittag erscheint. Nur beschweren Sie sich bitte nicht, dass die Filme, in die Sie gehen wollten, dann wahrscheinlich längst ausverkauft sind.

Michael Omasta

In früheren Jahren belagerten Viennale-Besucherinnen und Besucher die Vorverkaufskassen in den Kinos schon Stunden bevor sie aufmachten. Inzwischen geht’s bequemer online, und zwar hier.

Für die Vorbereitung Ihres Festivalbesuchs ist vielleicht auch der Falter-Viennale-Planer nützlich.

Hier können Sie außerdem Karten für eine von drei vorausgewählten Vorstellungen – "Nomadland", "My Mexican Bretzel" und "Never rarely sometimes always" – gewinnen.

Eine schöne Tradition sind die Viennale-Trailer, für deren Herstellung man schon oft bedeutende Filmschaffende gewonnen hat. Den wirklich zauberhaften Trailer zur Viennale '20 hat die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher gedreht.

Und für die Retrospektive gibt es deren gleich zwei. Gestaltet wurden sie von zwei Größen des Avantgardefilms made in Austria, und zwar von Peter Tscherkassky und Siegfried A. Fruhauf.

Für den Fall, dass Sie wegen der Pandemie den Kinobesuch scheuen, muss an dieser Stelle das gescheite neue Buch von Falter-Filmkritiker Drehli Robnik empfohlen werden. Es heißt "Ansteckkino" und unternimmt eine politische Lesart "des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19". Bilder sind keine drin, dafür viele spitze Schlaglichter und mitunter brillante Interpretationen von insgesamt 167 einschlägigen Filmen, die sich Kollege Robnik während des Lockdowns reingezogen hat. Erschienen ist es im Berliner Verlag Neofelis, alles Chlor?

Unser aktueller Podcast ist eine Aufzeichnung der Wiener Stadtgespräche zum Thema Arbeit im Digitalen Zeitalter. Barbara Tóth hat dafür mit der Philosophin und Ökonomin Lisa Herzog darüber gesprochen, ob wir in Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit, Robotik und Künstlicher Intelligenz nicht auch wieder verstärkt darüber nachdenken sollten, wie Arbeit fairer gestaltet werden kann. Den Podcast können Sie passenderweise demnächst auch anschauen und zwar hier.


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