Wer liest, hat mehr vom Leben - FALTER.maily #352

Klaus Nüchtern
Versendet am 23.10.2020

"Gibt's heuer keine Falter-Buchbeilage?" Die in bangem Ton vorgetragene Frage, die mich vergangene Woche wiederholt erreichte, ist mittlerweile beantwortet: Seit Mittwoch liegt die Herbstbuchbeilage dem Falter bei – und im übrigen auch österreichweit in rund 150 Buchhandlungen gratis auf (die Adressen finden sie hier); wobei man als Mensch von Herzensbildung selbstverständlich keine Beilage mitnimmt, ohne nicht auch das ein oder andere Buch zu erwerben ("Ich bin ja kein Beilagenesser in dem Sinn", wie Herr Bösel sagen würde).

Die Falter-Buchbeilage ist heuer eine Woche später erschienen, als es die – von der Pandemie außer Kraft gesetzten – Rhythmen des Literaturbetriebs vorgesehen hatten. Nach Absage der Frankfurter Buchmesse war's aber eh schon wurscht, was uns die Gelegenheit gab, erst das Ergebnis der Wien-Wahl abzuwarten und in der Woche darauf den Bücherherbst mit einem eigenen Falter-Cover anzukündigen. Gezeichnet hat es – so wie alle Illustrationen der Beilage – der wunderbare Schorsch Feierfeil, der im Falter ein bissl auf Literatur spezialisiert ist, denn auch der so genannte "Klassiker des Monats" bietet ihm regelmäßig Gelegenheit, den Stift oder den Pinsel zu schwingen (aus Platz- und Aktualitätsgründen wird der Oktober-Klassiker im November nachgeholt).

Die Falter-Buchbeilage gibt es übrigens seit 1991, womit sie im 30. Jahr ihres Bestehens angelangt ist. Je zwölf Seiten Belletristik und Sachbuch umfasste die erste Ausgabe, und einige der Rezensentinnen und Rezensenten, die damals dabei waren, sind es noch immer: Sigrid Löffler zum Beispiel, Alfred Pfoser oder Tobias Heyl. Bei ihnen und allen anderen, die uns über Jahre und Jahrzehnte die Treue gehalten haben möchte ich mich an dieser Stelle einmal herzlich bedanken.

Unsere Buchbeilage war und ist – wenn ich mir an dieser Stelle ausnahmsweise ein bisschen Nostalgie und Eigenlob erlauben darf – ein ziemlich einzigartiges Produkt. Das hängt nicht nur mit der Quantität und Qualität der Beiträge, sondern auch mit jenem wohl dosierten Quantum an Albernheit, Anarchie und Allotria zusammen, die den ansonsten sehr seriösen Auftritt etwas lockerte – wie zum Beispiel das von Tex Rubinowitz mit noch sehr analogen Mitteln (Kugelschreiber, Schere, UHU-Stick et al) gestaltete Cover aus dem Herbst 1994 belegt.

Darüber hinaus bildeten der seinerzeit als Falter-Sachbuchredakteur tätige Klaus Taschwer und ich das – nach dem großen deutschen Grafikdesigner benannte – "Kampfkommando Willy Fleckhaus". Dieses behelligte den Suhrkamp Verlag, für den Fleckhaus die legendären Reihendesigns (es, stb, stw …) entworfen hatte, mit in der Beilage abgedruckten spaßterroristischen Drohungen à la "sonst rasieren wir Peter Handke!", sollte er sich weiterhin unterstehen, Schindluder mit diesem großem Erbe zu treiben. Nachdem sich Suhrkamp wenig beeindruckt zeigte, wurde das "Kampfkommando" schließlich aufgelöst.

Klaus Nüchtern

In der ersten Buchbeilage besprach Klaus Kastberger, heute Germanistikprofessor in Graz, einen "seit drei Jahrzehnten vergessenen Roman", der damals gerade neu aufgelegt worden war: "Die Wolfshaut" (1960) des damals 71jährigen Hans Lebert (1919–1993). Der in einem fiktiven Kaff namens Schweigen angesiedelte Roman, der fraglos zu den wichtigsten Werken der österreichischen Nachkriegsliteratur zählt, hat nicht nur Elfriede Jelinek maßgeblich beeinflusst ("Ohne Lebert gäb’s mich nicht"), sondern wurde auch von dem politisch ganz anders verorteten Heimito von Doderer sehr geschätzt. Dass dieses Schlüsselwerk längst wieder vergriffen (und selbst antiquarisch rar und außerdem ziemlich teuer) ist, gereicht der deutschsprachigen Verlagslandschaft nicht eben zur Ehre. Aber zum Glück gibt’s Bibliotheken!

Apropos "Klassiker". Der einzige Autor, der bereits zweimal als "Klassiker des Monats" gewürdigt wurde, ist Daniel Defoe: 2019 war er mit "Robinson Crusoe" dran, und im Mai würdigte Sebastian Fasthuber "Die Pest in London". Auch dieses Buch ist alles andere als "eine leichte Kost", sei aber dennoch wärmstens empfohlen. Man schätzt, dass die Pestwelle von 1665/66, die unter dem Namen "The Great Plague of London" in die Geschichte eingegangen ist, ein Viertel der Einwohner hinweggerafft hat. Es handelt sich also um eine Pandemie von ganz anderem Ausmaß als jene, die wir gerade durchmachen. Die Parallelen drängen sich bei der Lektüre von Defoes dokumentarisch-nüchternem und dennoch erschütterndem Bericht trotzdem auf.

Um am Ende dunkel, aber nicht düster und dennoch beim Thema zu bleiben, sei allen, die zum Lachen nicht in den Keller (sondern lieber in eine Buchhandlung) gehen, die britische Serie "Black Books" ans Herz gelegt. Im Mittelpunkt steht der misanthropische, mieselsüchtige, Kette rauchende Buchhändler Bernard Black, dargestellt vom großartigen irischen Stand-Up-Comedian Dylan Moran. Manchen werden sich noch an seine Auftritte im Gartenbau Kino erinnern. Aus Anlass eines davon habe ich Moran vor vier Jahren in Zürich getroffen und dieses Porträt verfasst.


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