Lasset die Hoffnung nicht fahren - FALTER.maily #360

Matthias Dusini
Versendet am 01.11.2020

"Sehr geehrter Maestro", schrieb der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte vergangene Woche an den Dirigenten Riccardo Muti, "diese Entscheidung ist mir sehr, sehr schwer gefallen."

Conte antwortete in einem ausführlichen Brief auf den Protest Mutis gegen die neuerliche Schließung von Theatern, Kinos und Opernhäusern. Er bemühte dabei die Floskel von der Kunst als Nahrung für Geist und Seele, die die Krisenkultur von Anfang an begleitete. Conte weiß, dass es diesmal noch schwieriger ist, die Beschneidung bürgerlicher Freiheiten zu begründen. Schon wieder Tiefkühlpizza?  

Die österreichische Regierung verkündete am Samstag einen Lockdown light. Die Viruswelle könne nur durch eine Reduktion der sozialen Kontakte, vor allem am Abend, gebrochen werden: Das heißt, keine Restaurant- und Kinobesuche, keine Labsal in Fitnessstudios und Opernhäusern. "Wir haben ohne Ausnahme in alle Bereiche eingegriffen, die gesellschaftliches Leben ermöglichen", hatte sein italienischer Kollege bereits Tage vorher geschrieben. Conte replizierte auf Mutis Kritik, die Politik unterschätze den Stellenwert der Kultur. Das San Siro muss schließen, und eben auch die Scala.

Mit riesigem Aufwand versuchten österreichische Veranstalter seit Mai, einen sicheren Besuch von Vorführungen zu ermöglichen. Das laufende Festival Wien Modern, das Burgtheater und die Staatsoper mit ihren kostspieligen Produktionen und auch alle kleineren Bühnen wird die neuerliche Sperre mit voller Wucht treffen. Die meisten haben es befürchtet, die Hoffnung starb zuletzt. Wieder müssen die Künstlerinnen und Künstler bangen, ob der Staat die zugesagten Hilfen auch wirklich auszahlt.  

Nur ein Bereich bleibt in Italien von den Maßnahmen ausgenommen, die Museen. Während Deutschland, Frankreich und teilweise die Schweiz auch die Museen sperren, dürfen Gäste in Florenz noch immer in die Uffizien oder in Rom in die Villa Borghese. Zunächst schien es so, dass die Sammlungen auch in Österreich glimpflich davonkommen. Im ersten Gesetzesentwurf bildeten die Museen eine Ausnahme. Medizinisch gesehen, spräche nichts dagegen. Die Besucherzahlen sind seit dem Ausbleiben der Touristen so stark gesunken, dass eine Ansteckung unwahrscheinlich ist. Brisante Orte sozialer Zusammenkunft sind die österreichischen Museen leider nur in seltenen Fällen. Doch dann siegte das juristische Gleichheitsprinzip: Geschlossen bis 30. November.

Ihr Matthias Dusini

"Lasset, die ihr eintretet, die Hoffnung fahren" prangt über dem Tor zur Hölle. Der italienische Schriftsteller Dante Alighieri (1265–1321) beschreibt in seinem Buch "Die Göttliche Komödie" einen Trip durch die Unterwelt, auf den Läuterungsberg und ins Paradies. Zur Einstimmung in das große Jubiläumsjahr – Dante wird 2021 vor 700 Jahren gestorben sein – empfehle ich die gut kommentierte Prosaübersetzung der "Commedia", die der deutsche Philosoph Kurt Flasch anfertigte und im S. Fischer Verlag als Taschenbuch erschienen ist.

Nächsten Mittwoch, den 3. November, wählen die USA ihren Präsidenten. Über die Rolle der Medien in einem Wahlkampf, der den Anspruch auf Wahrheit über Bord geworfen hat, spricht Raimund Löw mit dem New York Times-Korrespondenten Steven Erlanger. "Es ist ein Alptraum", sagt dieser im Gespräch, hören Sie rein!

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