Ewigkeit - FALTER.maily #371

Stefanie Panzenböck
Versendet am 14.11.2020

wo begräbt man einen Terroristen? Kujtim F., jener IS-Sympathisant, der in Wien vier Menschen tötete und danach von einem Polizisten erschossen wurde, hätte seine letzte Ruhestätte am Islamischen Friedhof in Wien-Liesing finden sollen. Doch die muslimische Gemeinde ist dagegen. "Er ist ein Mörder, der unschuldige Menschen getötet hat und damit den ganzen Muslimen geschadet hat", sagte der Friedhofsverwalter Ali Ibrahim im Kurier. Auch der Islamische Friedhof in Altach in Vorarlberg lehnt es ab, den Attentäter bei sich aufzunehmen. Hier lautet die Begründung, dass Kujtim F. keinen Hauptwohnsitz in Vorarlberg hatte.

Diese Reaktionen sind verständlich. Wer will ständig am Grab eines Menschen vorbeigehen, dessen Opfer man auch hätte werden können. Weil man in seinen Augen nicht rechtgläubig gewesen wäre. Oder weil man sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hätte.

Die Debatte, wem ein Grab zusteht, und wer das zu entscheiden hat, ist uralt. In Sophokles' Tragödie "Antigone" aus dem Jahr 441 vor Christus verweigert Kreon, der Tyrann von Theben, seinem Neffen Polyneikes ein Grab. Er soll von Raubvögeln und wilden Tieren gefressen werden. Polyneikes teilte sich die Herrschaft in Theben mit seinem Bruder Eteokles, beide Söhne des Ödipus. Es kam zum Streit, denn Eteokles wollte den Thron für sich allein. Polyneikes zog gegen Theben, Eteokles verteidigte die Stadt, beide starben durch die Hand des jeweils anderen auf dem Schlachtfeld. Während Eteokles mit allen Ehren begraben wird, verbietet Kreon, Polyneikes dasselbe zuteil werden zu lassen. Widersetzt sich jemand diesem Befehl, ist er des Todes.

Es ist eine Frau, die nicht gehorcht, Antigone, die Schwester von Polyneikes und Eteokles. Für sie steht das Gesetz der Götter über dem Gesetz der Stadt. Und somit sieht sie es als ihre Pflicht an, ihren Bruder Polyneikes zu begraben. Sie schleicht sich an und streut Erde auf ihn. Ein Wächter bemerkt sie und bringt sie zu Kreon. Das Ende ist bekannt. Antigone wird lebendig eingemauert, sie erhängt sich, ihr Verlobter Haimon, Kreons Sohn, rammt sich das Schwert in die Seite und auch Haimons Mutter Eurydike tötet sich selbst.

Die gängigste Interpretation dieses Stücks aus der griechischen Antike ist es, Antigones Handeln als uneingeschränkt gut zu bewerten. Eine junge Frau lehnt sich gegen den brutalen Machthaber auf und ist bereit ihr Leben zu geben, um ihren Bruder zu begraben.

Will man sich nur ein Symbol aus der Geschichte nehmen, so geht es auch darum, den Menschen im Feind zu erkennen.

Das Beeindruckende an den Dramen der Antike ist jedoch, dass sie umso mehr Facetten zeigen, je älter sie werden. In diesem Sinn haben sie einen Anspruch auf Ewigkeit.

Denn man kann Antigone auch ganz anders lesen. Was passiert, wenn man die Geschichte umdreht? Kreon verkörpert den vernünftig handelnden Staat, dessen Verfassung geschützt werden muss. Das verlangt auch heute oft Entscheidungen, die dem moralischen Empfinden des Einzelnen bisweilen entgegenstehen. Etwa, wenn es darum geht, Terroristen, also Personen, die eine Gesellschaft zerstören wollen, als Menschen mit all ihren Rechten zu behandeln und ihnen ein faires Gerichtsverfahren zu gewähren. Gleichzeitig ist es notwendig, den Feinden der Demokratie mit der Härte des Rechtsstaates entgegentreten. Es geht um Besonnenheit. Antigone würde in diesem Fall als Fanatikerin dastehen, die ohne Rücksicht auf Verluste auf ein Gesetz der Götter besteht, und sich sofort in den Tod stürzt.

Und: Im Gegensatz zu Antigone lenkt Kreon ein. Nach einem Gespräch mit dem Seher Teiresias sagt Kreon: "O weh, nur mühsam rücke ich von meinem früheren Denken ab / und tu’s! Doch schwer ist anzukämpfen gegen die Notwendigkeit." Er hätte Antigone begnadigt, doch es war schon zu spät.

Was uns Sophokles' "Antigone" im Fall von Kujtim F. erzählen kann, ist, dass schon allein das Begraben des Terroristen Fragen aufwirft. Auf welchem Friedhof der Leichnam eine Stätte bekommt, ist nur scheinbar das geringste Problem, mit dem wir uns nach dem Anschlag in Wien beschäftigen müssen. Es gibt uns vielleicht eine Ahnung davon, wie groß die Fragen sind, denen sich unsere Gesellschaft nun zu stellen hat.

Wenn wir uns allerdings human nennen wollen, sollten wir nicht vergessen, dass der Tod auch die Hinterbliebenen betrifft. Jede Mutter, jeder Vater soll das Recht haben, am Grab des eigenen Kindes zu trauern.

Haben Sie ein ruhiges Wochenende,

Stefanie Panzenböck

Im aktuellen Falter erklärt der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker, wie junge Männer zu Dschihadisten werden. Im Interview mit Klaus Nüchtern spricht der Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer darüber, wie man mit dem Schock des Anschlags unter den Bedingungen eines Lockdowns umgehen kann. Und der Südtiroler Journalist Ulrich Ladurner erklärt in seinem Gastkommentar, warum der französische Präsident Emmanuel Macron mit seiner Kampfansage an den Islamismus seiner Meinung nach die richtigen Konsequenzen aus den jüngsten Attentaten in Frankreich gezogen hat.

Neu im FALTER-Radio: Der Wiener Terrorist und der IS. Der Islamismusforscher Guido Steinberg (Berlin) und die Nahostexpertin Gudrun Harrer (Der Standard) sprechen über die bisher bekannten Hintergründe, über den neuen "Kalifen" des IS und die Gefahr von ferngesteuerten Einzeltätern in Europa. Das Gespräch wurde im Bruno Kreisky Forum für Internationalen Dialog aufgezeichnet.

Der großartige Roland Neuwirth hätte am vergangenen Dienstag im Konzerthaus seinen 70. Geburtstag gefeiert. Das Konzert musste wegen der Maßnahmen gegen Corona ausfallen, aber auf Neuwirths Musik muss man glücklicherweise trotzdem nicht verzichten. Im Juni dieses Jahres präsentierte der Erfinder des Neuen Wienerlieds mit dem radio.string.quartet das Album "Erd'". Zudem hat Neuwirth Schuberts Winterreise in Wienerische übertragen. Wie sich das anhört, erfahren Sie am kommenden Freitag, da erscheint die neue Platte. Ich wünsche Ihnen Hochgenuss!

Gestern haben wir den neuen Text im FALTER Think-Tank von Judith Kohlenberger, "Warum ein Anti-Terror-Paket zu wenig ist", irrtümlich Ralph Janik zugeordnet, das tut uns leid. Lesenswert ist der Text aber in jedem Fall!


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