Wer ist dieses "Wir"? - FALTER.maily #373

Klaus Nüchtern
Versendet am 17.11.2020

"Wenn der Mensch sagt, er hält es nicht mehr aus, hält er es noch eine ganze Weile aus." Der Satz fällt, wenn ich recht erinnere, in einem Film von Alexander Kluge. Man kann ihn so oder so verstehen – eher in Richtung Phlegma oder in Richtung Resilienz: Wir lassen uns ganz schön was bieten, bevor wir uns wirklich wehren; oder: Wir halten mehr aus, als wir glauben oder zugeben. Kreuzen Sie bitte an: Wo im Spektrum zwischen "ziemlich nervig", "total anstrengend", "schrecklich" und "unaushaltbar" würden Sie Ihre Stimmungslage zu Beginn des zweiten harten Lockdown verorten?

Im Verlauf des Umgangs mit der Pandemie treten naturgemäß sowohl Gewöhnungseffekte als auch Ermüdungserscheinungen auf. Bei den einen früher, bei den anderen später; bei den einen schwächer, bei den anderen stärker. Ich muss gestehen, dass ich die permanente Klage darüber, dass die Maßnahmen alle überzogen und völlig unzumutbar seien, mitunter "ziemlich nervig" fand. Das Beharren darauf, dass man auch in einer besorgniserregenden und verunsichernden Ausnahmesituation gleichsam ein Recht darauf einmahnen könnte, sein Leben genau so zu führen, wie man es gewohnt war, schien mir egozentrisch und infantil. Andererseits kann ich nicht verhehlen, dass ich mich in einer sehr privilegierten Position befinde: Weder habe ich mich mit Homeschooling herumschlagen, noch darum sorgen müssen, ob und wie ich im nächsten Monat meine Miete zahlen kann; und auch wenn Videokonferenzen "ziemlich nervig" sind, lässt sich das, was mein Job erfordert, ziemlich gut vom Homeoffice aus leisten.

Wenn ich mir die Frage stelle, was wir aus dem ersten Lockdown gelernt haben oder gelernt haben könnten, denke ich daran, dass ich damals immer wieder Ansichten geäußert habe, die mir eine Woche oder schon einen Tag später als überzogen, unhaltbar, peinlich erschienen. Sich eine gewisse Zurückhaltung beim Bescheidwissen aufzuerlegen, ist vermutlich nicht ganz falsch. Es fällt mir aber auch der Sketch ein, in dem Gerhard Polt dieses "Wir", das ständig beschworen wird, in Frage stellt: "Es heißt immer: 'Wir müssen…' Ja, wer ist denn dieses 'Wir'? Ja, ich sicher nicht!"

Das stimmt, und es stimmt auch wieder nicht. Einerseits wird mit diesem "Wir", wie Gerhard Polt im Interview mit der NZZ meinte, "unheimlich viel Unfug gemacht", andererseits kommt ein gesellschaftlicher Verband ohne dieses "Wir" nicht aus. Der Historiker und Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat Nationen in seinem gleichnamigen Buch als "Imagined Communities" bezeichnet; als eine Gemeinschaft, die gleichsam phantasiert wird, weil der/die Einzelne ja gar keine Chance hat, allen ihren Angehörigen je zu begegnen. Dennoch ist dieses "Wir" nicht einfach ein Hirngespinst. Was dann? Am ehesten wohl so etwas wie eine gesellschaftlich notwendige Fiktion. Wenn ein Sprechakt wie "Wir schaffen das" (Angela Merkel) oder "Wir kriegen das schon hin" (Alexander van der Bellen), der ja keine Tatsachenbehauptung, sondern einen Appell darstellt, keine Adressaten mehr findet, die sich überhaupt gemeint fühlen, werden wir’s tatsächlich nicht schaffen.

Wie man aus der Geschichte weiß, kann dieses "Wir" für sehr unterschiedliche und auch ziemlich fragwürdige Zwecke mobilisiert werden. Umgekehrt wäre es falsch, jede Bezugnahme auf dieses "Wir" a priori unter Ideologieverdacht zu stellen. Um sich gegen eine Pandemie zu wehren, die nun wirklich "uns alle" betrifft (wenn auch in unterschiedlichen "Härtegraden"), bedarf es aber auch gar keiner Stigmatisierung von Sündenböcken, keiner pathetischen Aufrufe zum Schulterschluss oder paternalistischer Abmahnung ("Jeder Kontakt ist einer zu viel"). Zielführend hingegen ist die Bereitschaft zur gelassenen Kooperation und dazu, vor allem auf jene zu achten und ihnen beizustehen, die am verwundbarsten sind. Man nennt es Solidarität. Sie ist das Gebot der Stunde. Wenn wir uns an daran halten, sollten wir das eigentlich hinkriegen.

Klaus Nüchtern

Mit dem Slogan "America First!" hat Donald Trump eine ausgesprochen aggressive Form des "Wir" zu etablieren versucht. Tatsächlich aber ist die Nation zutiefst gespalten. Im aktuellen Falter schreibt der Sozialforscher Christoph Hofinger erhellend darüber, "Was die USA jetzt brauchen".

Gemeinsam mit dem Historiker Thomas Walach habe ich einen Sammelband herausgegeben, dessen Beiträgerinnen und Beiträger versuchen, über eine flexiblere und freundlichere Form der "Wir"-Synthese nachzudenken. Die Präsentation des Buchs ist – zunächst Ende März, dann Mitte November – den Lockdowns zum Opfer gefallen. Kaufen, verschenken und lesen aber kann man "Unser Land. Wie wir Heimat herstellen" natürlich immer noch; eine Rezension finden Sie hier.

Die Klage über die fragwürdige Vergnügungssucht der Jugend ist nicht neu. Kaum aber wurde sie je so schwungvoll artikuliert wie in der "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill. In dieser Aufnahme aus dem Jahr 1958 singen Herr und Frau Peachum (Willy Trenk-Trebitsch und Trude Hesterburg) den "Anstatt Dass-Song".

Familienbande müssen keineswegs Blutsbande sein. Hirokazu Koreedas Film mit dem internationalen Titel "Shoplifters" (deutscher Titelzusatz: "– Familienbande") wurde 2018 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet – und zwar völlig zu Recht. Er handelt von einer Patchworkfamilie, deren Angehörige sich in Tokio gerade mal so durchschlagen, ohne dabei je ihre grundlegende Menschenfreundlichkeit zu verlieren. Und er enthält eine ziemlich witzige Sexszene.

Scheuba fragt nach…diesmal bei Gerhard Haderer. In der neuen Folge des Satire-Podcasts sinnieren der Karikaturist und der Kabarettist über Gotteslästerung und die Schule des Ungehorsams in Zeiten der Pandemie. Lassen Sie sich das nicht entgehen!


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