Twitter zieht nach - FALTER.maily #377

Anna Goldenberg
Versendet am 21.11.2020

für mich ist Facebook der Ein-Euro-Shop, durch den ich lustvoll wandle, während die Sonderangebote auf mich einprasseln. Das verlockende, bunte Durcheinander nehme ich wahr, greife aber nur ab und zu hin. Die Fotoplattform Instagram fühlt sich hingegen an wie das Wohnzimmer einer engen Freundin, in dem über Gefühle, Zimmerpflanzen und Make-Up diskutiert wird. Und TikTok, auf dem kurze, mit Musik unterlegte Videos geteilt werden? Das ist das Jugendzimmer; wer als Ü18 reinwill, muss sich schon gehörig anstrengen, um authentisch cool zu sein. 

Und dann gibt es noch den Kurznachrichtendienst Twitter, der in Österreich vor allem bei Medien- und Politikmenschen beliebt ist. Für mich gleicht es oft einem spätpubertären Debattierclub: Mit rhetorischen Kniffen wird versucht, von inhaltlichen Schwächen abzulenken. Man schenkt einander nichts und verdreht dem Anderen gerne das Wort im Mund. Es kann schließlich nur einer gewinnen.  

Das könnte sich nun ändern. Seit zwei Tagen gibt es nämlich eine neue Funktion auf Twitter. Fleets sind Posts, die nach 24 Stunden wieder verschwinden. Kommt Ihnen bekannt vor? Snapchat begann damit vor einigen Jahren, Instagram und Facebook kopierten das äußerst beliebte Feature, und nun zieht eben Twitter nach.

Zu sehen sind da neben Tweets jede Menge Fotos von Katzen, Mahlzeiten und Sonnenuntergängen. Vielleicht ein Versuch, Twitter heimeliger zu machen, das Geschehen vom Debattierclub in die Lounge zu verlagern. Oder ist es ein Bemühen, dem Zaudern, den zögerlichen Gedanken, dem Zweifel einen Platz auf der Plattform zu geben? Was in den "Fleets" erscheint, muss nicht zu Ende gedacht sein, und kann einem folglich später nicht um die Ohren gehaut werden. So die Wunschvorstellung.

Dass man von den selbstzerstörenden Inhalten Bildschirmfotos anfertigen kann, wissen findige Nutzer allerdings längst. 

Ein schönes Wochenende, ob on- oder offline, wünscht

Ihre Anna Goldenberg

...am Lockdown ist, dass Sozialleben und Spaziergang zu einem Synonym werden. Die Kollegin von Best of Vienna hat fünf Tipps für nächtliche Spaziergänge in Wien zusammengestellt, die sich übrigens ausgezeichnet mit den fünf besten Automaten in Wien kombinieren lassen. Und zurück zuhause, warum nicht einen der Tipps für Social Distancing befolgen und sich beispielsweise die W24 "Nachtschiene" auf Youtube reinziehen?

Im aktuellen FALTER-Podcast spricht der Schweizer Publizist Roger de Weck über Trump, den Islamismus und die Widerstandskraft der Demokraten. Das Gespräch wurde vom Journalisten Günther Kaindelsdorfer geführt und im Rahmen der Wiener Vorlesungen aufgezeichnet.

Eigentlich ist ja der Gesundheitsminister die oberste Sanitätsbehörde des Landes und Kraft seines Amtes für Gesundheitskrisen zuständig. Trotzdem dominiert Bundeskanzler Sebastian Kurz die mediale Darstellung der Krise. Die Politologin Petra Bernhard von der Universität Wien hat im FALTER Think-Tank die Bildpolitik in der Pandemie analysiert. 

Schuhe sind das neue Klopapier, wie die langen Schlangen vor Schuhgeschäften am Tag vor dem Lockdown zeigten. Schließlich ist der richtige Schuh für das Home Office ein unentbehrliches Accessoire..oder so ähnlich. Falter-Kolumnist Harry Bergmann hat sich als Werbeexperte den Lockdown-Sale von Humanic genauer angesehen. 

Spannende Diskussionen über das bedingungslose Grundeinkommen als Antwort auf die Gesundheitskrise gab es diese Woche im digitalen Café Brandstätter, das Barbara Tóth moderierte. Das Gespräch mit Barbara Blaha (Moment Institut), der Soziologin Barbara Prainsack und Franz Schellhorn (Agenda Austria) können Sie hier zum Nachschauen.

Ebenfalls diese Woche fand der große Vorlesetag 2020 statt. Statt in die Klassenzimmer zu kommen, wurden die Vorlesepatinnen und -paten heuer digital in die Wohnzimmer der Kinder übertragen. Die Vorzüge des Vorlesens sind hinlänglich bekannt - es fördert unter anderem die Sprachkompetenz und Konzentrationsfähigkeit von Kindern. Damit diese im Lockdown nicht zu kurz kommen, hat das Team des Vorlesefests sehr feine Vorlesevideos produziert. Wenn auch Sie einmal ehrenamtliche Vorlesepatin werden wollen, schauen Sie doch auf der Website der NGO vorbei. 


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