Bescheidener Tipp für das verseuchte Leben - FALTER.maily #378

Armin Thurnher
Versendet am 23.11.2020

wenn wir uns einmal kurz zurücklehnen – können wir das überhaupt noch? Eingedeckt von Unzufriedenheit, Unzulänglichkeit, Unzukömmlichkeit, Unpässlichkeit und hundert weiteren Un-s (nicht zu verwechseln mit "uns"), scheint unser Leben heuer unter einem Unstern zu verlaufen und uns immer unruhiger zu machen. Habe ich Ihre Morgenlaune schon hinlänglich verungutet? Das wollte ich nicht. Ich dachte vielmehr, wir sollten versuchen, die Seuche einmal ein wenig anders zu sehen.

Die Seuche ist eine Chance zur Menschlichkeit, was immer extreme Unmenschlichkeit mit einschließt. Dazu zähle ich, was uns der zynische amerikanische Präsident zeigt. Nicht nur in seinen schlecht verhohlenen Putschwünschen, auch in seinem Umgang mit der Pandemie. Er selbst tut alles, das öffentliche Gesundheitssystem zu ruinieren, alles, um Covid-19 nicht nur zu leugnen, sondern seine Verbreitung zu fördern. Als er endlich selbst infiziert war, sein Sohn, republikanische Politiker, was tat er da? Er nahm für sich und die seinen die Dienste des öffentlichen Gesundheitswesens in Anspruch und ließ sich mit einer experimentellen Therapie kurieren.

Diese öffentliche Verachtung der öffentlichen Wohlfahrt bei gleichzeitiger Inbesitznahme zeigt uns zwei Wege der Politik, die sich vor uns eröffnen wie im berühmten Gedicht "The road not taken" von Robert Frost.

Der eine Weg verachtet öffentliches Wohl, Gemeinwohl, tut alles nur für eigene Macht, Privilegien und Eigentum. Dieser Weg ist der propagandistisch überlegene, wie sich am extremen Beispiel Donald Trumps zeigt. Die politischen Fürsprecher des anderen Wegs, der "road less travelled by", des Wohlfahrtsstaats, haben propagandistisch und damit politisch die schlechteren Karten (Joe Bidens Sieg ändert daran nichts).

Das ewige Rätsel lautet: Warum ist es attraktiver, Menschen gegen ihre eigenen Interessen zu mobilisieren, als mit ihnen für ihre Interessen zu kämpfen?

Ich fürchte, hier haben wir des politischen Pudels Kern. Wir wollen im öffentlichen Leben Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wir fallen lieber auf die Lügen der Entschlossenen herein, als auf das Flehen der Schwachen. Niemand bezweifelt, dass Donald Trump zuerst an sich denkt, also glaubt man ihm und seinesgleichen. Den politischen Altruismus der anderen hält man für unglaubwürdig. Warum wohl?

Ich glaube, hier haben wir einen der Gründe, warum unser Kanzler, von Seuchenpolitik vollkommen unbeleckt, aber propagandistisch mit allen autoritären Duftwassern gewaschen, unbeschädigt durch eine Krise kommen wird, die er als Vorbild der Welt begann und derzeit als Schlusslicht Europas fortsetzt. Und ewig winkt der Schulterschluss am Ende des Tunnels.

Indessen warten wir alle auf die Impfung und hoffen, dass es uns nicht erwischt und auf eine jener überlasteten Intensivstationen verschlägt, wo heldenhafte Ärztinnen und Pfleger an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Möglichkeiten getrieben werden. Dass es viel mehr Menschen braucht, die pflegen, ist seit Jahren bekannt. Die wenigen, die pflegen, werden eher weniger, weil ihnen kein populistisches Licht am Ende des Tunnels scheint.

Und was ist mit uns, fragen Sie? Habe ich nicht eingangs versprochen, die Seuche einmal anders zu betrachten? Nein, ich wollte nicht von Krise als Chance und dergleichen Schmonzes reden. Es ist schon schwer genug. Ich habe nur einen ganz bescheidenen Tipp, an den sich vermutlich ohnehin alle halten, die diese Kolumne lesen.

Erinnern wir uns jenes schlichten Grundsatzes, der menschliches Zusammenleben erst ermöglicht: Handeln Sie einfach so, wie Sie gern hätten, dass andere Sie behandeln. Das ist noch nicht einmal ein kategorischer Imperativ. Aber es kann helfen. In der Krise, aus der Krise, nach der Krise. Auch Ihnen, Sie werden sehen.

Armin Thurnher

Die Seuchenkolumne wird besonders stark gelesen, wenn nicht ich sie schreibe, sondern sie dem Virologen Robert Zangerle von der MedUni Innsbruck öffne. Es freut mich, dass immer mehr Menschen seine Expertise zu schätzen wissen, und dass er dieses Forum exklusiv benützt. Nutzen auch Sie es, kostet nix.

Stück für Stück kommt ans Tageslicht, dass Donald Trump nicht nur ein gekränkter Narziss ist, der seine Wahlniederlage nicht verdaut, sondern dass hinter seinen einzigartigen Versuchen, das Ergebnis der Wahl in den USA auf den Kopf zu stellen, ein gefinkelter Plan steckt. Der Historiker Mitchell Ach beschreibt ihn.

Hier können auch Sie es sein: gut. Jedes Jahr um diese Zeit heißt es: Helfen Sie und gewinnen Sie! Birgit Wittstock koordiniert "Hilfe, Geschenke!", die einzigartige Aktion des Falter, mit der das Integrationshaus unterstützt wird, und bei der Sie mit ihrer Spende wiederum eine der vielen tollen Spenden von Wiener Geschäften gewinnen können.

In dieser Folge mit Raimund Löw fordert Othmar Karas, ÖVP, Vizepräsident des Europaparlaments, den Ausschluss der ungarischen Fidesz aus der Europäischen Volkspartei. SPÖ-Europaabgeordneter Andreas Schieder und die Journalistinnen Siobhan Geets (Profil) und Eva Konzett (Falter) sprechen mit Löw und Karas darüber, wie der ungarische Premierminister Viktor Orbán die EU erpresst und wie sich Europa auf Joe Biden einstellt.

Soll man die Namen von Terroristen in der Berichterstattung nennen? Was ist dran an der Forderung, über Opfer statt über Täter zu schreiben? Florian Klenk hat mit der Medienkritik-Plattform Über.Medien über "Voldemort-Journalismus" gesprochen und warum Journalistinnen und Journalisten in der Verarbeitung von Terroranschlägen eine andere Rollen einnehmen müssen, als die Politik.

Wenn Sie in diesem Jahr der unerfreulichen Überraschungen auch mal eine schöne erleben wollen, empfehlen wir Ihnen das neue Bücher-Überraschungspaket aus dem Falter Verlag. Es ist in drei Größen erhältlich und bis zum Rand gefüllt mit dem Besten, was es derzeit an Romanen und Sachbüchern zu lesen gibt. Und sollten Sie eines der Bücher bereits kennen, haben Sie ein Problem weniger, denn die einzelnen Bücher eigenen sich ebenso wie die ganzen Pakete famos als Weihnachts-Präsente.


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