Bauchfleck - FALTER.maily #379

Nina Horaczek
Versendet am 24.11.2020

die Kisten sind gepackt, das weiße Sideboard abgeräumt. In wenigen Tagen wird Christoph Wiederkehr von den Neos als neuer Wiener Vizebürgermeister hier einziehen.

Aber gestern saß noch die Wiener Grünen-Chefin Birgit Hebein in Zimmer 451 im 2. Stock im Wiener Rathaus und hätte bei ihrem Abschiedspressegespräch als Vizebürgermeisterin lieber über ihre Erfolge in den vergangenen 17 Monate gesprochen. Die neu eingeführten "Klimaschutzgebiete" in der Stadt, die "coolen Straßen", die den Wienern in Hitzesommern Abkühlung ermöglichen sollen und vieles mehr.

Es wurde dann aber doch ein Gespräch über die Zukunft - jene der Wiener Grünen und ihrer eigenen. Wenn die Grünen etwas besonders gut können, dann vom Höhenflug direkt auf den Bauchfleck zu wechseln. Das war auf Bundesebene so, als der frühere Grünen-Chef Alexander Van der Bellen den Grünen 2016 mit dem Einzug in die Hofburg ihren größten bundespolitischen Erfolg bescherte – und die Grünen nur ein Jahr später hochkant aus dem Parlament flogen.

Ein ähnliches Drama wiederholt sich gerade in Wien im Kleinen. Seit Hebein von ihrem eigenen Gemeinderatsklub weder zur Klubchefin, noch zur nicht amtsführenden Stadträtin gewählt worden war, ist öffentlich, was intern schon lange kein Geheimnis war: Die Wiener Grünen-Abgeordneten und ihre Parteichefin, die können so gar nicht miteinander. Und das hat wenig mit Inhalten zu tun, sondern vor allem zwischenmenschliche Gründe. Zwar bestätigen auch ihre parteiinternen Gegner, dass Hebein außerordentlich engagiert und fleißig sei, aber eben auch eine, die im Alleingang Dinge entscheide und "wenn sie ein Ziel im Fokus hat, fährt sie über andere drüber", formuliert ein Parteikollege die Kritik.

Hebein hat die Konsequenzen gezogen. Sie nimmt ihr Landtagsmandat nicht an. Sie bleibt aber vorerst Wiener Parteichefin und möchte in dieser Funktion "einen inhaltlichen Prozess mitbegleiten und meine Nachfolge vorbereiten". Formal ist sie bis Ende 2021 als Parteivorsitzende gewählt. Wie lange sie tatsächlich Wiener Grünen-Chefin bleibt, könne sie selbst noch nicht sagen, erklärte sie gestern im Gespräch. Auch was danach kommt, stehe in den Sternen. Sie könnte "grüne Aktivistin" werden, erklärte Hebein. Oder sich einen anderen Traum erfüllen: "Ein Beisl in Favoriten aufmachen und dort Akkordeon spielen."

Ihre Nina Horaczek

Die Ära Birgit Hebein an der Spitze der Wiener Grünen neigt sich dem Ende zu. Sie war von Anfang an eine ebenso ungewöhnliche wie umstrittene Grünen-Chefin. Sozialisiert als Tochter von Arbeitern in einem kleinen Kärntner Dorf, politisiert in der Wiener linksradikalen Szene und eine, die ihr Herzensthema Verteilungsgerechtigkeit nicht aus Büchern, sondern am eigenen Leben erfuhr. In diesem Portrait vor der Wahl verriet Birgit Hebein ungewöhnlich viel aus ihrem Leben.

Sind zwei Menschen in einander verliebt, ist ihnen das Glück förmlich anzusehen. Genau dieses Glück zeigen Hugh Nini und Neal Treadwell in ihrem kürzlich erschienenen Buch LOVING. Die beiden Amerikaner sammelten historische Fotos verliebter schwuler Pärchen aus den Jahren 1850 bis 1950. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Buchprojekt. Da sind zum Beispiel die beiden US-Soldaten, die 1945 an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt waren. Und die auf einem anderen Bild, aufgenommen einige Wochen später in den Alpen, beide Ringe tragen und einander im Schnee umarmen. Die BBC hat Nini und Treadwell zu ihrem Buch interviewt.

In der neuesten Folge von "Scheuba fragt nach…" ist der Journalist Stefan Kappacher zu Gast. Florian Scheuba fragt sich, ob das Offenhalten von Waffengeschäften im Lockdown als Umweltschutzmaßnahme gedacht ist, mit dem ORF-Medienjournalisten spricht er über Medienförderung und Interventionen im ORF.

"Mit Corona haben wir eine Herausforderung, die man nicht wegideologisieren kann – auch wenn manche versuchen, das zu tun. Bei der Klimakrise ist das ähnlich. Bei beiden zählt: Wenn man den Zeitraum der Intervention verpasst, läuft das System exponentiell weg."

Das Zitat stammt vom renommierten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der unter anderem Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Papst Franziskus in Klimafragen berät. Am Donnerstag den 26.11. wird Barbara Tóth Schellnhuber im Rahmen der Wiener Stadtgespräche interviewen, das Gespräch können Sie ab 19h live mitverfolgen. Für den heute erscheinenden Falter hat Benedikt Narodoslawsky mit dem Wissenschaftler gesprochen.


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