Komm, Bobo! - FALTER.maily #386

Florian Klenk
Versendet am 02.12.2020

gestern Nachmittag, als sein Hof von 9000 SpenderInnen nicht nur gerettet, sondern komplett entschuldet worden war, stand Christian Bachler mit zwei Vertrauten vor dem ORF-Zentrum am Küniglberg (wir zeichneten die Sendung "Stöckl" auf). Er zückte ein kleines Fläschchen seines Lärcherlschnaps und reichte dazu eine Mannerschnitte: "Komm, Bobo, stoßen wir an! Hoffentlich ist das nicht nur ein Traum."

Es sind mehr als 420.000 Euro geworden, die Bachler in dieser unheimlich schönen Weihnachtsaktion geschenkt bekam. Kinder haben gespendet und Bäuerinnen, der linke Rudi Fussi, der Petutschnig Hons und der konservative Andreas Gabalier. Und auch viele Leute aus seinem Dorf, die jetzt anrufen und meinen, man müsse sich in Krakauhintermühlen mit dem Querkopf endlich wieder versöhnen. Und auch er möge jetzt einen Schritt hinunter ins Dorf tun und die Leute, denen er manchmal auf die Zehen steigt, um Entschuldigung bitten.

Das wird nicht schwer sein. Bachler ist streitbar, aber einer, der das Gemeinsame sucht. Er hat mich einst wegen dieses Artikels über das Kuhurteil als Oberbobo beschimpft und zugleich zu einem Praktikum auf seinen Bergbauernhof geladen. Dieser Widerspruch hat mir imponiert. Gut, hab ich gesagt, dann komme ich. Ich habe ihn dann mehrere Tage auf der Alm begleitet und viel über Landwirtschaft, Klimawandel, Fleischindustrie und Bauernbürokratie gelernt. Ich werde diese Tage nie vergessen.

Man kann sich ausdenken, wie das bei der Versteigerung im Gemeindesaal von Murau ausgegangen wäre, wenn wir alle ihm nicht geholfen hätten. Bachler wäre jetzt mittellos, seine Mutter, eine stolze Bäuerin, die bei ihm lebt, ohne Obdach und Ausgedinge. Ein Schicksal, das viele Bauern teilen. Sie haben gelernt, dass die Bank immer gewinnt. Denn die Bank steht im Grundbuch. Die Bank geht kein Risiko ein. Die Bank verlangt am Ende 12 Prozent Zinsen und die Anwaltskosten. So auch hier.

Obwohl schiere Not über Bachler schwebte, erzählte er mir diesen Sommer – als ich drei Tage bei ihm urlaubte – kein Wort davon. Zu stolz war der Bergbauer, einen Städter wie mich um Hilfe zu bitten. Doch als Nachbarn merkten, dass der Journalist aus Wien da war, morsten sie via Facebook-Messenger Alarm, damit ich ihm mit meiner Reichweite helfe. Es sei ernst, der kräftig wirkende Bachler spreche immer wieder von einem "Strick", sein Hof sei bald versteigert. Es werde dramatisch enden.

Ich musste ihm meine Hilfe und die meiner Bekannten und Freunde regelrecht aufdrängen. Bachler rief tagelang nicht zurück. Aber dann hat er die Hilfe angenommen. Der Wiener Anwalt Michael Pilz erklärte sich dazu bereit, dem Bergbauern unentgeltlich zu helfen. Der Sprecher von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, Daniel Kosak, vermittelte diskret einen Wirtschaftsexperten, der für den Hof einen Business-Plan erstellte. Die PR-Beraterin Christina Aumayr-Hajek half uns, die Aktion umzusetzen. Der Software-Unternehmer Niko Hofinger (Offenlegung: wir sind verwandt) machte uns die Website. Und Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung, schickte seinen umsichtigen Reporter Josef Fröhlich los, um diese Geschichte aufzuschreiben.

Und sogar Andreas Gabalier schob an. Ich teile vieler seiner Ansichten nicht, er hat mich und den Falter in der Stadthalle sogar einmal als "Ochs" ausbuhen lassen. Doch ich wusste, dass der Mann über 800.000 Follower verfügt und – entgegen vieler Vorurteile über ihn – kein Rechtsextremist ist. Im Gegenteil: er unterstützt die Flüchtlingsorganisation Hemayat und hat selbst eine traurige Familiengeschichte erlebt. "Hier spricht der Ochs", sagte ich zu Gabalier am Sonntagmorgen am Telefon, "wir brauchen Hilfe für einen jener Bauern, deren schöne Welt Du gerne besingst."

Wir alle hofften, bis Weihnachten 100.000 Euro zusammenzubringen. Es wurde viermal so viel in zwei Tagen. Die Spender und Spenderinnen wollten nicht nur den Bergbauern Bachler retten. Ihre Spende transportiert auch den Wunsch nach einer Agrarwende, nach einer Abkehr von der Fleischindustrie und nach fairem Handel mit Bauern, die sich diesem System verweigern. Es ist eine breite Allianz geworden. Als Bachler übrigens die Schulden für seinen Hof herinnen hatte, sperrte er den Paypal-Pool und nahm keine Spenden mehr an, obwohl weiter stündlich mehrere tausend Euro eintrudelten. Er wolle sich nicht "g'sund stessen", sagte er. Er wolle nicht den "Bauer als Millionär" spielen. Sondern einfach nur "freigeschlagen" werden von der Raiffeisen Murau.

Halleluja,

Florian Klenk

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Ich möchte Ihnen noch ein wunderbares Buch ans Herz legen. Einen Sammelband all jener historischer Originaltexte, die das Rote Wien geprägt haben. Das wird dieses Jahr mein Weihnachtsgeschenk. Ebenso angetan bin ich von dieser Sammlung historischer Texte über die Renaissance. Teuer, aber ein schönes Weihnachtsgeschenk. Wenn Sie Bücher kaufen, aber nicht entscheiden wollen welche, können Sie es mit dem FALTER Bücher-Überraschungspaket versuchen.

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