Herbergssuche - FALTER.maily #395

Stefanie Panzenböck
Versendet am 12.12.2020

der 10. Dezember 1938 ist ein Samstag. Am Wiener Westbahnhof sammelt sich eine Gruppe sehr junger Passagiere, jüdische Kinder, die ohne ihre Mütter und Väter auf eine lange Reise gehen werden. Per Zug und Schiff werden sie in Großbritannien ankommen, in London Liverpool Station. Einen Koffer und ein Handgepäckstück dürfen sie mitnehmen. Viele von ihnen werden ihre Eltern nie mehr wiedersehen. 

Heute erinnert das Denkmal "Für das Kind", eine Bronzeskulptur der Bildhauerin Flor Kent, am Westbahnhof an die 10.000 Kinder, die, weil sie einen Platz auf einem der sogenannten Kindertransporte bekommen hatten, vor den Nationalsozialisten gerettet werden konnten. Aus Österreich, Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei reisten sie nach Großbritannien, das von Anfang Dezember 1938 bis Ende August 1939 seine Einreisebestimmungen zu diesem Zweck gelockert hatte. Am 1. September begann der Zweite Weltkrieg.

Initiiert hat das Denkmal – es stellt einen Buben dar, der auf einem großen Koffer sitzt – die Kuratorin und PR-Beraterin Milli Segal. Vorgestern, es war der 10. Dezember, war sie an der Reihe, Koffer zu packen. 23 Bilder der Ausstellung "Für das Kind", die an die Kindertransporte erinnert, verschwanden in zwei großen Kisten und lagern nun in einer jüdischen Schule.

Konzipiert und gestaltet wurde die Ausstellung vor über 15 Jahren von zwei britischen Künstlerinnen, Rosie Potter und Patricia Ayre. Sie sammelten Gegenstände von Kindern, die auf diesen Transporten waren und drapierten sie in Originalkoffer aus den 1930er Jahren. Sie fotografierten die Stillleben direkt von oben mit einer analogen Großbildkamera. Dadurch entsteht für den Betrachter der Eindruck, direkt in die Tiefen des Koffers zu blicken.

Helga Bellenger war neun, als sie Wien verließ. In ihrem Koffer liegen Bücher, Puppenkleider und Fotos. Ihre Mutter überlebte den Holocaust, ihr Bruder wurde in einem Konzentrationslager ermordet. In anderen Koffern finden sich Schulhefte, Eislaufschuhe oder Dokumente. Die Drucke sind in schweren Holzrahmen hinter Glas fixiert. In das Glas wurden Sätze der mittlerweile alt gewordenen "Kinder" eingeritzt. Helga Bellenger schrieb: "Mutter putzte den Gehsteig in ihrem Pelzmantel".

Die Ausstellung "Für das Kind" zeigte Segal ab 2014 in einem Kellerlokal im dritten Bezirk, die letzten eineinhalb Jahre in der Wiener Urania. Die neue Direktorin hat allerdings andere Pläne, Segal musste die 23 Bilder abhängen.

Nun ist Segal auf der Suche nach einem neuen Ort. Die Ausstellung "Für das Kind" ist ihre Privatinitiative, Kosten für Miete oder Angestellte kann sie nicht aufbringen. Die Hoffnung, dass ihr jemand gratis Räume zur Verfügung stellt, gibt Segal nicht auf. "Zwei Räume wären ideal", sagt die PR-Beraterin. "Einer für die Bilder und ein weiterer, um Filme zu zeigen oder Vorträge zu halten." Vor allem Schulklassen haben die Ausstellung bisher besucht, Touristen kommen regelmäßig. Segal führt sie durch die Ausstellung und nimmt dabei auch Bezug auf die Gegenwart: "Auch heute sind Kinder Flüchtlinge."

Ein wichtiges Stück Geschichte Wiens, Österreichs und Europas ruht nun in Kisten. Wer holt es da wieder heraus?

 

Ihre Stefanie Panzenböck


Hinweis

Hier können Sie die 23 Bilder der Ausstellung "Für das Kind" sehen. Gleich der erste Koffer stammt von Helga Bellenger.


Worüber Wir Reden

Im FALTER.maily #392 forderte Florian Klenk Richterinnen und Richter auf, sich gegen Diffamierungsversuche wie jenen durch Karl-Heinz Grasser zu wehren und ihre Entscheidungen öffentlich zu erklären. Die Justiz müsse eine Kommunikationsstrategie auf der Höhe der Zeit entwickeln.

Klenk stieß damit eine Debatte an: Reinhard Hinger, der Mediensprecher des Oberlandesgerichts Wien, erklärt in diesem Gastkommentar, zwischen welchen Klippen die Justiz in ihrer Kommunikationsstrategie manövrieren muss. Und der Richter Oliver Schreiber beschreibt, warum bei Wirtschaftsdelikten oft ein Ungleichgewicht zwischen aufmunitionierter Verteidigung und einer unzureichend dotierten Staatsanwaltschaft besteht. Sein Argument, dass die Justiz allzuoft gesellschaftliche Ungleichheit widerspiegelt, können Sie auch in seinem außerordentlich lesenswerten Buch "Mut zum Recht! Plädoyer für einen modernen Rechtsstaat" nachlesen.


Falter Woche

Die wohl kontroversiellste Geschichte der aktuellen FALTER-Ausgabe stammt von Sebastian Fasthuber: Er hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für das "schönste Weihnachtslied von allen". Sie ahnen, worum es geht? Last Christmas! Dagegen kommen die Oden an den proletarischen Feminismus und die in Skulpturen gegossene Ablehnung von Obrigkeiten im Atelier der Bildhauerin Michèle Pagel fast harmlos daher. Aber wirklich nur fast. In der Rubrik "Aus meiner Festung" beschreibt diese Woche Chris Lohner, wie sie den Lockdown erlebt und schließlich verrät Ihnen Michael Omasta einen weiteren Film, den Sie längst gesehen haben sollten


Podcast

Rund 12 Millionen Roma und Sinti leben in Europa, häufig diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Im Oktober hat die EU-Kommission deshalb einen Zehnjahresplan zur Unterstützung der Volksgruppe auf den Weg gebracht. Wo gibt es in Österreich und der EU Handlungsbedarf? Und welche Rolle spielen Sprache und die Erinnerung an den Holocaust? Im FALTER-Podcast spricht Anna Goldenberg mit der Politikwissenschaftlerin Mirjam Karoly, dem Schriftsteller Samuel Mago, der Sängerin Dotschy Reinhardt und dem Antiziganismus-Forscher Frank Reuter über Eigen- und Fremdzuschreibungen.


Das Schöne

Erst gestern durften wir eine glückliche Gewinnerin mit einem FALTER-Jahresabo überraschen und schon möchte der nächste Maily-Leser ein Abonnement verschenken. Wir finden das großartig und sagen "Danke"! Wenn Sie Empfänger oder Empfängerin dieses tollen Geschenks sein möchten, schreiben Sie ein E-Mail an gewinnspiele@falter.at und vielleicht sind Sie ja nach der Verlosung am 16.12. der oder die nächste stolze/r Besitzer/in eines FALTER-Jahresabos. 


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,50 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!