"Wir haben Corona!" - FALTER.maily #407

Florian Klenk
Versendet am 06.01.2021

"Wir haben Läuse!" Kennen Sie dieses Schild? Schulen und Kindergärten bringen es manchmal am Eingang ein und dann wissen alle, was zu tun ist: Kinderköpfe absuchen, Bettzeug waschen und die Kinder selbst schamponieren. Natürlich wird das Kind mit den Läusen nicht geoutet. Datenschutz und Gesundheitsfürsorge sind kein Widerspruch.

"Wir haben Corona!" So ein Schild suchten Eltern eines niederösterreichischen Gymnasiums kürzlich vergeblich. Dabei hätten es einige doch erwartet. Ein 10-jähriges Kind hat sich dort mit dem Corona-Virus infiziert und saß am Tag vor Weihnachten inmitten anderer Kinder. Vorne an der Tafel standen Lehrer, zum Teil vulnerable, ältere Menschen.

Die Eltern bemerkten die Infektion erst am Abend des 25. Dezember, testeten das Kind sofort und meldeten das Ergebnis, das sie am 26.12. erhielten, umgehend der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten, das ist die zuständige Gesundheitsbehörde. Dann begaben sich die Familienmitglieder in Quarantäne und vertrauten darauf, dass die Behörden alles Nötige veranlassen werden. So hatte man es der Familie zugesichert.

Was wäre das Nötigste? Bei den Läusen ist die Lage klar: Schule informieren, Eltern informieren, die Sitznachbarn besonders eindringlich informieren. Leider hatte das Mädchen aber keine Läuse, sondern "nur" Corona. Und so vergingen ein, zwei, drei, vier Tage. Und es passierte: nichts.

Die BH St. Pölten informierte weder Schule noch Eltern. Deshalb rückten die Eltern per WhatsApp-Gruppe selbst aus und informierten die Klassengemeinschaft. Sie machten das nicht gerne, weil sie den Namen des infizierten Kindes nicht outen wollten.

Warum aber blieb die Behörde untätig? Ich habe den zuständigen Bezirkshauptmann, Josef Kronister, gefragt. Ein Beamter schickte mir diese Antwort: "Eine generelle Information über Gesundheitsdaten von SchülerInnen an sämtliche Eltern einer Klasse wäre schon aufgrund der derzeitigen Rechtslage nicht zulässig" und "grundsätzlich darf jedoch darauf hingewiesen werden, dass nach derzeitiger Evidenzlage Kinder dieses Alters, auch wenn selbst infiziert, keine wesentliche Rolle in der Ausbreitung von SARS-CoV-2 einnehmen". Eine Clusterbildung habe man "bis dato" nicht feststellen können.

Fassen wir zusammen: Wir sitzen seit Wochen im Lockdown. Wir dürfen abends keine Freunde treffen. Die Geschäfte bleiben zu. Wir sperren uns ein. Das ganze kostet hunderte Milliarden. Ein Mutation des Virus setzt gerade dazu an, noch mehr Menschen zu infizieren. Aber die Behörden informieren nicht einmal die Frau Direktor, wenn ein Kind Corona hat. Weil Datenschutz und bei Kindern eh wurscht.

Nein, das versteht niemand mehr. Auch der höfliche Beamte der Bezirkshauptmannschaft nicht. Aber so ist nun mal die Rechtslage. Wir haben ja erst seit 10 Monaten eine Pandemie.

Greifen Sie sich an den Kopf,

Florian Klenk

Dieses verdammte Jahr 2020 hat uns einen lieben Menschen genommen: Philip Sabic, 49, den Oberkellner des legendären Café Korb. Vor einem Jahr noch habe ich ihn für den Falter interviewt, weil er Charme, Schmäh und Grant, die drei Elemente eines Wiener Obers, so wunderbar vereinen konnte. Jeden Dienstag hielten wir unsere Redaktionssitzung im Korb ab und "Herr Philip" diskutierte oft und gerne mit.

Nun ist er tot, zusammengebrochen nach einem Fußballspiel mit seinem achtjährigen Buben, der an dem Tag noch dazu Geburtstag feierte. Sabic, der nicht mit goldenen Löffeln aufwuchs, hinterlässt vier Kinder und eine Frau. Die Lage von Kellnern wie ihm war in Coronazeiten schon schlimm genug, jetzt droht der Familie auch der Verlust ihrer Existenz.

Das Café Korb hat daher eine Spendenaktion gestartet, die wir gerne unterstützen. Sie können der Familie hier helfen (Konto Karin Sabic: IBAN: AT74 3261 4000 0006 9013) oder mit einem Klick auf den Paypal-Pool.

Wie geht es den Kindern in Frauenhäusern, wie erleben Lehrlinge auf Jobsuche den Corona-Winter und werden immer noch österreichische Kälber in den Libanon exportiert? Was wurde aus all diesen Geschichten, die wir 2020 im FALTER aufgeschrieben haben? Wir haben herumtelefoniert und nachgefragt, hier finden Sie die Fortsetzungen.

Im FALTER-Podcast können Sie aktuell das Gespräch von Barbara Tóth mit einem der wichtigsten Klimaforscher unserer Zeit, Hans Joachim Schellnhuber, nachhören. Kollegin Tóth sprach mit ihm über Parallelen und Unterschiede zweier Krisen: Corona und den Klimawandel. "Bei beiden zählt: Wenn man den Zeitraum der Intervention verpasst, läuft das System exponentiell weg", so Schellnhuber im Interview.

© wurmkiste.at

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