Brot und Rosen! - FALTER.maily #415

Klaus Nüchtern
Versendet am 15.01.2021

der Babyelefant hat ganz klar das Rennen gemacht – im Unterschied zu 2017, als "Vollholler" nur "arschknapp" (Platz 3 im Jahr 2016) vor "Fake News" voranlag, wohingegen sich "Schweigekanzler" (2018) und "Ibiza" (2019) einigermaßen klar als Wort des Jahres durchsetzen konnten. Der Babyelefant allerdings war mit mehr als nur ein paar Rüssellängen Vorsprung vor "Corona" und "verblümeln" durchs Ziel geschossen.

Auch das an sich unverdächtige Wort Adjektiv "systemrelevant" wäre eine Option gewesen. Ich bin zwar kein Apidologe, mir allerdings relativ sicher, dass man mit der Behauptung, die Königin sei für das System Bienenstaat von höherer Relevanz als die fünfte Drohne von links nicht einmal in linksradikalen Bienenkundlerkreisen helle Empörung auslösen würde. Entscheidend sind nicht die Worte selbst, sondern der Gebrauch, der von ihnen gemacht wird. Sprechakte bewirken etwas, verknüpfen sich zu Narrativen und Diskursen, die unsere Wahrnehmung strukturieren und schließlich auch ganz bestimmte Praktiken zur Folge haben.

Über die Unterscheidung zwischen "systemrelevanten" und lediglich "kulturverliebten" Menschen grämen sich diejenigen, die vom Slimfit-Kanzler der zweiten Kategorie zugezählt wurden, seit Monaten. Die einen beschweren sich depressiv darüber, dass sie ja "leider nicht systemrelevant" seien; die anderen beteuern trotzig, dass Kultur eben auch ein "Lebensmittel" sei. Das ist verständlich, aber nicht sonderlich fruchtbar. Der Gestus "Seht ihr nicht, wie wichtig wir sind?!" indiziert die eigene Hilflosigkeit: Er wird von den Bekehrten bestätigt und von den Indolenten ignoriert. Und gegen öffentliche Selbstzerknirschung gilt es ohnedies Erich Kästners hellsichtiges Bonmot zu mobilisieren: "Nie sollt Ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken!"

Statt sich auf dieses Divide-et-Impera-Spiel einzulassen – womit man schon verloren hat –, soll man es zurückweisen. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, die bis heute unser Verständnis von Menschenrechten bestimmt, zählt neben Leben und Freiheit auch "das Streben nach Glück" ("the pursuit of hapiness") zu den "unveräußerlichen Rechten". In der liberalen und säkularen Demokratie, in der jedenfalls ich leben möchte, sollte es eigentlich jedem und jeder möglich sein, "nach eigener Façon" zumindest nach Glück zu streben, sofern dadurch Leben und Freiheit der anderen nicht eingeschränkt wird (dieses Fass machen wir allerdings hier und heute nicht auch noch auf). Ob jemand lieber ein Kammerkonzert oder einen Swingerklub besucht, geht den Staat nichts an. Nun lässt sich argumentieren, dass es mit dem Social Distancing in Swingerklubs schwierig ist und diese aus den bekannten Gründen vorerst geschlossen bleiben sollen. Den immunologische relevanten Unterschied zwischen Skischaukel und Museum oder Theatersaal soll uns aber erst einmal jemand vorhupfen.

Verzicht mag, temporär eingesetzt, eine Tugend sein, als Lebensprogramm ist er ein Beschiss. "Give me the luxuries of life and I will gladly do without the necessities" lautet ein – gerne Oscar Wilde zugeschriebenes – Zitat des Architekten Frank Lloyd Wright. Sich gerade mit dem Notwendigsten bescheiden zu wollen, ist kein brauchbares politisches Programm. Das wussten auch die Arbeiterinnen und Arbeiter aus über 50 Nationen – vielen von ihnen Immigranten –, die im Jänner 1912 in Lawrence, Massachusetts gegen Lohnkürzungen von Textilarbeiterinnen demonstrierten. Die Proteste wurden unter dem Namen "Bread and Roses Strike" bekannt, da die Forderungen mit einem Gedicht von James Oppenheim aus dem Jahr 1911 assoziiert wurden, dessen zweite Strophe wie folgt lautet:

As we come marching, marching, we battle too for men,

For they are women’s children, and we mother them again.

Our lives shall not be sweated from birth until life closes;

Hearts starve as well as bodies; give us bread, but give us roses!

1974 hat Mimi Fariña, die jüngere Schwester von Joan Baez, das Gedicht, das schon zuvor als Streik-Lied Karriere gemacht hatte, noch einmal vertont. Eine besonders ergreifende Version davon findet sich in dem an sich schon sehr lässigen Film "Pride" (2014), der die unwahrscheinliche Allianz von Bergarbeitern, Schwulen und Lesben während des Miner's Strike von 1984 zum Thema hat. Von "Nineteen Eigthy-Four" ließe sich also auch abseits der düsteren Visionen George Orwells etwas lernen, dessen gleichnamige Dystopie im Jänner in gleich drei deutschen Neuübersetzungen erscheinen wird.

Klaus Nüchtern

Dass ausgerechnet das Land, das die oben erwähnte "Declaration of Independence" verabschiedet hat, (noch) von einem egomanischen Irren geführt wird, dessen Anhänger – wie der Herr, so’s Gscherr! – Verfassung, Demokratie und Menschenrechte mit Füßen treten, hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Einen Essay von Gero von Randow zu diesem Thema finden Sie hier.

Wem auch mit "Bread and Roses" die hinreichende „Mindestüppigkeit" (Wilhelm Genazino) noch nicht garantiert scheint, der/die halte sich an Baloo, den Bären und dessen "Bare Necessities" aus Walt Disneys "Jungle Book"-Verfilmung von 1967 (Song: Bruns, Sherman & Sherman; Stimme: Phil Harris)

Falls Sie im Lockdown schon alle in Frage kommenden Serien diverser Streamingdienste weggebingt haben sollten und nun auf dem Trockenen sitzen, könnte ich Ihnen eine 18-stündige Doku von Ken Burns – ja, genau: der mit dem Ken-Burns-Effekt aus Ihrer Mediathek – und Lynn Novick empfehlen. "The Vietnam War" (2017) ist naturgemäß harter Stoff, enthält aber eine überwältigende Fülle an historischen Aufnahmen und Dokumenten, lässt Beteiligte aus allen Lagern zu Wort kommen und vermittelt überaus eindrücklich, warum dieser Exzess des Kalten Krieges zu einer tiefen Spaltung führte, von der sich das Land – wie viele meinen – bis heute nicht erholt hat.

Apropos Vietnamkrieg: Als 1971 Teile der bis dahin geheimen Pentagon-Papiere durch die New York Times und die Washington Post geleaked wurden, erfuhr die Öffentlichkeit, dass sie vom Präsidenten abwärts jahrelang systematisch belogen worden war. Die in die USA emigrierte deutsche Philosophin und Totalitarismus-Theoretikern Hannah Arendt veröffentlichte aus diesem Anlass ihren Essay über "Die Lüge in der Politik", in dem sie u.a. über den wachsenden Einfluss der PR-Abteilungen nachdenkt und zu dem Schluss kommt, dass das Handeln als "das eigentliche Werk der Politik" immer mehr in den Hintergrund rückt: "Image-Pflege als Weltpolitik – nicht Welteroberung, sondern Sieg in der Reklameschlacht um die Weltmeinung – ist allerdings etwas Neues in dem wahrlich nicht kleinen Arsenal menschlicher Torheiten, von denen die Geschichte berichtet." Dass die Lektüre dieses Essays auch ein halbes Jahrhundert nach dessen Entstehung lohnt, versteht sich in Zeiten von "Fake News" und "Message Control" fast von selbst.


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